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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 9 (1909) · p. Seite 215

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
9 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 215 (sequence 23)
Language
German
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Rundschau 215 In Könitz fand am Sonntag, den 25. April, nachm., eine Versammlung jüdischer Männer und Frauen statt, über die wir nach dem Berichte der in Ronitz erscheinenden „Gftdeutschen Tageszeitung", folgendes mitteilen. Rechtsanwalt Fleischer eröffnete die Versammlung, indem er den Redner des Tages, Herrn Rabbiner D r. Dienemann-Ratibor vorstellte, den eifrigen Förderer der Bewegung für die zeitgemäße Ausgestaltung der jüdischen Religion und die Neuerweckung religiösen Lebens im Judentum, Herr Rechtsanwalt Fleischer skizzierte die Ziele der Vereinigung für das liberale Judentum, die nicht das Jahrtausende alte Gebäude niederreißen, sondern aus Liebe zur Religion auf dem alten Grunde ein mit dem Leben mehr im Einklang stehendes liberales Judentum schaffen und damit dem religiösen Zndifferentismus erfolgreich entgegenaröeiten wolle. Dieses ernste Streben sei geboren aus der heiligen Sehnsucht vieler Juden nach einem lebendigeren und belebenden (Auell einer vielfach nicht mehr Herz und Gemüt befriedigenden Religion. Nicht ein starres Dogma solle den Juden aufgezwungen werden, die Religion müsse mit den neueren Forschungen der Wissenschaft im Einklänge stehen. Die Vereinigung wolle gewisse Aenderungen im Gottesdienst, in den hausandachten, in der religiösen Erziehung der Rinder. Die Frauen sollten mit herangezogen werden. — Nach dieser einleitenden Erläuterung erteilte Herr Rechtsanwalt Fleischer Herrn Dr. Dienemann das Wort zu seinem vortrage über die Geschichte der liberalen Bewegung im Judentum. Am Ende des \S. Jahrhunderts durften sich die Zuden in Deutschland noch nicht am Geistesleben des deutschen Volkes beteiligten. Moses Mendelssohn führte sie heraus aus dem Ghetto, und sie nahmen fortan teil an dem Geistesleben des deutschen Volkes. Massenaustritte aus dem Judentum waren in der Zeit der „Aufklärung" die Folge dieser Befreiung der Juden, die damals allen geschichtlichen halt verloren hatten. Man erstrebte vielfach eine gänzliche Anpassung der Juden an die Umwelt. Der protestantische Gottesdienst, erschien vielen nachahmenswert. Die Orthodoxen machten gegen diese liberale Bewegung Front und siegten. Eine neue Generation fing die Sache anders an. Das zeigt die Tempelgemeinde in Hamburg, die ein neues Gebetbuch mit einigen deutschen Texten und die Orgel einführte, aber die dem Volke heiligen Dinge nicht antastete. Die Liberalen wollen nunmehr nichts als eine zeitgemäße Fortentwicklung der Religion. Die Neu - Orthodoxen machten dieser Strömung gewisse Zugeständnisse (deutsche predigt, Thorgesang). Die Liberalen zerfielen in drei Richtungen, die Radikalen, die Anhänger der Rabbiner-Versammlungen, die jeweils die Glaubenslehren prüfen und mit Wissenschaft und Fortschritt in Einklang bringen sollten und die Mittelxartei. An die Forderungen dieser liberalen Vorfechter knüpft auch die neue $03 entstandene Bewegung an. Sie hält die jüd. Religion für entwicklungsfähig und predigt die Wahrheit, wenn die alte liberale Bewegung daran scheiterte, daß die Autorität der Gesetz- und Ritusänderer dem Volke nicht maßgebend erschien, so will die neuere liberale Bewegung alles, was dem Empfinden des Juden heilig ist, beibehalten. Aber es muß etwas geschehen, die Religion muß mehr verinnerlicht werden. Nicht nach außerjüdischen Vorbildern muß die Regeneration erfolgen, sondern aus sich selbst soll das moderne liberale Judentum schöpfen und sich weiterentwickeln. Die fugend muß mehr erwärmt werden für die Religion. Daher muß der deutschen Sprache noch mehr Raum im Gottesdienst eingeräumt werden, wenn auch das hebräische als heilige Sprache der Vorfahren beizubehalten ist, Religions- und Schulbücher und Schulunterricht sind in demselben Sinne umzubilden. Diejenigen, denen es ernst sei, die jüdische Religion weiterzuentwickeln, damit nicht der Schulchan-Aruch noch ein Jahrhundert die Zuden beherrsche, möchten der Vereinigung für das liberale Judentum beitreten. Mit einem warmen Appell an die Herzen, an das jüdische Gemüt schloß der Redner. Nicht auf die Logik komme es bei einer solchen Bewegung an, sondern Sieger bleibt der, der religiöse Rraft hat und diese Rraft auch zu betätigen weiß. — Die Darlegungen des Vortragenden ernteten vielen Beifall. Herr Referendar Rann machte sodann nähere Angaben über die Organisation der Vereinigung. Herr Dr. Weyl-Ronitz hielt gleichfalls

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