Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 9 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Rundschau 213 Iudenheit den materialistischen bezw. atheistischen Tendenzen, mit denen der deutsche Liberalismus um die Mitte des 10- Jahrhunderts sich verknüpfte, kritiklos gefolgt sei. Mit einer dem jüdischen Temperament eigenen Begeisterungsfähigkeit hielten Juden an Materialismus und Atheismus auch dann noch fest, als diese Phase des deutschen Geisteslebens in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts längst einer Zeit der vertieften Innerlichkeit und der religiösen Renaif sance gewichen war. Aus dieser geistigen Rückständigkeit, in der sich heute ein erheblicher Teil der sich gebildet nennenden Juden befindet, erklärte der Redner die bedauerliche Tatsache, daß alle Tagesnarrheiten nirgends willigere Nachäffer finden, als in jüdischen Kreisen — aus ihr erklärt er auch den Indifferentismus und die Verständnislosigkeit, mit denen diese Kreise den Bemühungen des religiösen Liberalismus im Judentum gegenüberstehen, des religiösen Liberalismus, der eine Zeitlang von den politischen Interessen in den Hintergrund gedrängt, jetzt nach der Erreichung der politischen Gleichberechtigung zur Selbstbehauptung erwacht. Nach einer scharfen Kritik des unhaltbaren Zustandes, in dem sich gegenwärtig das religiöse Verhalten eines großen Teils der deutschen Iudenheit befindet, schloß der Redner mit dem Lsinweis darauf, daß vielleicht niemals wieder die Gelegenheit zu einer religiösen Erneuerung des Judentums, die er in einer Zurückführung der Juden zur Bibel erblickt, eine so günstige sein werde, wie jetzt. Der interessante, gedankenreiche Vortrag fand den wohlverdienten, langanhaltenden Beifall; es wurde sofort der Wunsch rege, die Ausführungen des Lserrn Dr. Goldstein weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Der zweite Redner des Abends war der Ortsrabbiner, Herr Dr. Kaelter. „Unser Arbeitsplan", so nannte sich der Gegenstand seiner Ausführungen, welche sich darüber verbreiteten, wie die Prinzipien des religiösen Liberalismus durch die Vereinigung für das liberale Judentum praktisch betätigt werden könnten. Er betonte zunächst, daß die Vereinigung ihre Arbeit nur leisten könne und wolle für diejenigen, die ganze Juden sein wollten, die als zeitgemäß gebildete Menschen und als ehrliche, von dem unvergänglichen werte des Inhalts ihrer Religion überzeugte Juden, nach der Einheit ihres inneren Menschen streben. Das Leben hat von dem alten Bestände jüdischer Bräuche und Einrichtungen manches hinweggeschwemmt; hat das Leben dadurch unser Judentum zu einem liberalen gemacht? Nein! Wer immer nur aufgibt und abzieht, kommt zur Null, zum Nihilismus, aber nicht zum Liberalismus. Nicht das „Nichthalten", nicht die Gleichgültigkeit gegenüber den religiösen Formen sei das Kennzeichen eines liberalen Juden, sondern die Freiheit, mit der er das, was seinem tiefsten Fühlen und Denken Ausdruck geben soll, vor den Richterstuhl der Kritik zieht. Das notwendige Korrelat einer solchen Freiheit sei das pflichtbewußtsein: dasjenige Maß religiöser Einrichtungen, das vor dem Forum unseres Gewisseres als gerechtfertigt und notwendig dasteht, müsse auf Erfüllung dringen. Deswegen sei von der Arbeit der liberalen Vereinigung nicht eine Verkümmerung, sondern eine Verinnerlichung und Vertiefung des religiösen Lebens zu erwarten, und deswegen sollte auch jeder konservativ gerichtete Jude die Vereinigung mit Freude begrüßen. Völlig unberechtigt sei der Vorwurf, daß durch die Gründung von Ortsgruppen und ihre Arbeit in die Einzelgemeinden ein Keim der Zwietracht hineingetragen werde; die liberale Vereinigung will Keinen, der als orthodoxer Jude in ehrlicher Religiosität lebt und leben kann, seiner religiösen Betätigungsart entfremden oder ihm die Mittel zu ihr gewaltsam beschränken — sie will nicht liberale Juden künstlich schaffen, wohl aber will sie die vorhandenen zur Bewußtheit ihres Zustandes und zur Geltendmachung ihrer Forderungen führen. Dem konservativen Judentum bleibt innerhalb der einzelnen Gemeinden gegenwärtig kaum noch etwas zu fordern übrig, überall wird ihm in den allgemeinen Einrichtungen Rechnung getragen — zu fordern hat jetzt das liberale Judentum, und die Arbeit der Vereinigung für das liberale Judentum sei es, zu verhindern, daß diese Forderungen der Willkür oder dem Zufall entstammen und zu einer wilden Deroute der religiösen Institutionen führen.