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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 9 (1909) · p. Seite 205

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
9 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 205 (sequence 13)
Language
German
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o o o o Ar. Felir Goldmann: Air Behandlung fremder Bekenntnisse 205 kommen und jeden Zusammenhang zwischen sittlichem Tun und den Geschehnissen des Lebens ausschalten wird, so ist doch der Satz, daß der Lohn der guten Tat die gute Tat selber sei rc. zur Grundlage der Ausführungen zu machen, so daß der Gegensatz bleibt, weil auf christlicher Seite die Bedeutung des Jenseits für die Straffrage und die Lehre von Fimmel und Hölle entgegenzustellen sind. Bei der sittlichen Natur des Menschen und der Lehre von der Sünde stehen sich die jüdische Anschauung von der rein geborenen Seele, die für ihre Verschuldung selber die Verantwortung trägt, die durch nichts erlöst werden kann wie durch ihre eigene sittliche Kraft, und die christliche gegenüber, die in der Annahme der Erbsünde und der Bedeutung des Dxfertodes Jesu gipfelt. Zu diesen wichtigeren Punkten, in denen sich bei beiden Neligionen eine geradezu entgegengesetzte ethische Entwicklung zeigt, gesellt sich noch ein Gebiet, bei dem sich die Begriffe auf derselben Basis und in derselben Richtung herausgebildet haben, während der Unterschied dadurch bedingt ist, daß der eine Glaube weiter gegangen ist als der andere. Ts handelt sich um die Nächstenliebe. Zu zeigen ist, daß das Judentum die allumfassende Menschenliebe lehrt, die sich in dem Satze: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" erschöpft und die erläutert wird durch das Wort des Deuteronomimus (30, ^: „Denn dieses Gebot.... geht nicht über deine Kräfte und ist nicht unerreichbar. Ls ist nicht im Himmel, daß man sagen müßte: Wer steigt für uns hinan zum Himmel, um es uns zu holen und zu verkünden, damit wir es befolgen.Sondern sehr nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, so daß du darnach handeln kannst." Demgegenüber erweitert das Thristentum den Grundsatz durch die Lehre von der Feindesliebe und die Pflicht der Duldung des Unrechts gegen die eigene Person. In diesem wie den früheren Fällen bedarf die weitere Ausführung, der Hinweis auf das tägliche Leben, auf seine Anforderungen und Lrfahrungen, um des Judentums verharren auf seinem Standpunkte zu rechtfertigen, keiner weiteren Erklärung. Der besondere Wert, den eine Unterweisung der fugend nach dieser Richtung hin besitzt, zeigt sich auf das deutlichste, wenn man sich den Mißstand vergegenwärtigt, dem sie entgegenwirken soll. Unkenntnis ist gewiß nicht die alleinige Triebfeder des Abfalls, aber die Fahnenflucht wird durch sie wirksam unterstützt, zumal in einer Zeit wie der unsrigen. Denn der moderne Protestantismus zeigt, wie erwähnt, in vielen seiner Vertreter ein Gepräge, das in Verbindung mit der Unwissenheit weiter Kreise des Judentums für dieses als die weitaus schwächere Gemeinschaft eine nicht zu unterschätzende Gefahr darstellen kann. Wer aufmerksamer diese Strömung im Thristentum verfolgt, wird wissen, daß es grade in jenen Punkten, welche allgemein als charakteristische Kennzeichen des Thristentums gelten, sei es durch stark symbolisierende Exegese, sei es durch Verwendung der von ihm als wahr anerkannten wissenschaftlichen Ergebnisse zu Anschauungen gekommen ist, welche im weniger Gebildeten den Anschein einer Annäherung an das Judentum erwecken. Sie lassen ihn im Unklares! darüber, daß daneben Unterschiede in ethischen Fragen vorhanden sind, welche zwar nicht so häufig äußerlich zu Tage treten, aber doch ihre gewaltige trennende Bedeutung behalten. Man kann nun nicht behaupten, daß der moderne Protestantismus an sich durch die Macht seiner religiösen Ideen allein werbende Kraft im Judentum besitze. Stellt er doch selber nur eine kleine Gruppe innerhalb des Thristen- Lums dar, die — soweit ein außenstehender es beurteilen kann — schwer um die eigene

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