Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 9 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar'. FeliX Goldman»: Nie Behandlung fremder Bekenntnisse 203 Lums zum geistigen Gute des Schülers zu machen, sondern ihm auch die entsprechenden des christlichen Glaubens vorzuführen. Da es eine zu hohe Anforderung wäre und sich zudem aus vielen äußeren Gründen nicht empfehlen würde, die vergleichende Arbeit dem eigenen Denken des Schülers zu überlassen, müßte sich daran ein Vergleich seitens des Lehrers schließen, dessen Aufgabe darin bestände, unter Ausschluß jeglicher Polemik. — was kaum hervorgehoben zu werden brauchte — dem Schüler zu zeigen, warum das Judentum keine Veranlassung haben kann, von seinem wohlberechtigten Standpunkt abzugehen. Daß nun der oben ausgezeichneteWeg, um zu diesem Unterrichtsziele zu gelangen, für die Praxis in den meisten Fällen ungangbar ist, wird unschwer einzusehen sein. Zwar wird man auch vom Verfasser, eines Lehrbuchs der jüdischen Geschichte verlangen, daß er nicht Chronist, sondern Historiker sei, aber an den Schüler werden auch bei der Benutzung eines guten Leitfadens in den meisten Fällen nur die fertigen Resul- Late kommen, ohne daß er den schwierigen Weg der Beobachtung der historischen Entwicklung, auf dem allein die Unterschiede ihm deutlich zum Bewußtsein kommen, wird gehen können. Nur wenigen Schülern wird man von dieser höheren Warte die Geschichte des Judentums bieten können. Es kommen höchstens die Fortbildungsklassen der Religionsschulen, die Oberstufe der Gymnasien und die Selekta der Mädchenschule in Betracht. Da mit dem Fördern dieser kleinen Schar allein natürlich nichts getan ist, ergibt sich die schwierige Frage, wie dieser vergleichende Unterricht auf der Oberstufe der Volks- und Mädchenschulen, sowie auf der Mittelstufe der Gymnasien ersprießlich gehandhabt werden kann. Da sich herausgestellt hat, daß dort die Unterschiede nicht in ihren historischen Entstehungsursachen entwickelt werden körmen, sondern daß sie als gegebene Größen hingenommen werden müssen, wird dieser Teil der religiösen Unterweisung überhaupt aus dem Unterricht in der nachbiblischen Geschichte zu entfernen sein, und der geeignetste Stoff, an den er sich anschließen kann, findet sich in der systematischen Religionslehre. Obwohl selbst in liberalen Kreisen über die Notwendigkeit eines Unterrichts in diesem Fache noch immer Meinungsverschiedenheit herrscht, wird er sicherlich überall vorhanden sein. Denn selbst in solchen Lehrplänen, die ihn prinzipiell ablehnen, findet er in einer eingehenden Lektüre und Erklärung der Propheten seinen Ersatz, der die Schüler ebenfalls, wenn auch in einer für praktische Zwecke wenig brauchbaren Reihenfolge, mit allen grundlegenden religiösen Zdeen und deren Bedeutung vertraut machen soll. Gleichviel also, ob die Religionslehre historisch, im Anschluß an die jDroxhetenlektüre, oder nach der logischen Zusammengehörigkeit der Begriffe betrieben wird, in jedem Falle wäre bei Fragen, in denen die christliche Anschauung eine Abweichung enthält, diese in einer Schlußbetrachtung aufzuweisen und die Verschiedenheit zu besprechen. Bevor wir noch einen kurzen Blick auf den materiellen Znhalt einer solchen Unterweisung werfen, ist zunächst die wichtige Vorfrage zu erledigen, was dabei unter Christentum verstanden werden soll. Die Unterschiede zwischen der Sittenlehre des Protestantismus und der des Katholizismus sind für den Außenstehenden nicht so groß, als daß in der Darstellung auf diese Scheidung Bezug zu nehmen wäre. Welche Lehre behandelt werden muß, hängt im einzelnen Falle nur davon ab, welcher Konfession die Mehrheit der Bevölkerung in der betreffenden Gegend angehört. Nur eins ist zu betonen, daß nämlich die offizielle Lehre der in Betracht