Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 9 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Ar. Felir Goldwann: Air Behandlung fremder Bekenntnisse fäden der vaterländischen Geschichte zumal für Volksschulen bearbeitet sind, auf das Judentum glatt übertragen und es sorgfältig vermeiden, seine kulturgeschichtliche Stellung und Einwirkung zu berühren. Sie behandeln die jüdische Geschichte fast ohne jede Berücksichtigung der Zusammenhänge mit den: Kulturleben der Wirtsvölker und der gegenseitigen Beeinflußungen. wenn man in der jüdischen Geschichte nur Fürsten- und Dynastienschicksale oder diesen Dingen gleich zu bewertendes sucht, kommt freilich wenig heraus, worüber die imposante zur Verfügung stehende Fülle von Lausenden von Einzelheiten nicht hinwegzutäuschen vermag. Es mag ganz interessant und eine gute Gedächtnisübung sein, wenn man die Biographien sämtlicher bedeuterenden Tannaiten behandelt, es ergibt sich aber bei der Besprechung der Lanna'itischen Zeit erst dann etwas Brauchbares, wenn man ihre Bedeutung an der vorangehenden und nachfolgenden Geschichte Israels, an seinem damaligen Verhältnis zu den anderen Völkern, sowie an den vorhandenen geistigen und sozialen Strömungen mißt. Diese Betrachtungsweise würde sogar ebenfalls auf die Stoffmenge einen wohltätigen Einfluß ausüben und manchen unnützen Ballast ausscheiden, der heute einer Schülergeneration nach der anderen aufgebürdet wird. Stützt sich nun ein Geschichtsunterricht auf diese Grundlage, will er den Anteil des Judentums an der weltkultur und seinen Beitrag an Arbeit für die großen Menschheitsaufgaben deutlich hervorheben, so ist die Behandlung der fremden Religionen von selber gegeben. Der Lehrer wird notwendigerweise, wenn er die Ursachen der Bildung einer neuen Religion bespricht, ihr System enwickeln müssen, weil ja eben meistens aus seiner Gestaltung allein und nicht aus den historischen Quellen die wahren Gründe für das Entstehen zu ermitteln sind. In die Schilderung der neuen Weltanschauung, welche die Folge der Religionsbildung ist, flicht sich dann ganz logisch eine deutliche Darstellung der Gegensätze, und auf diese Art wird der Schüler auf rein historischem Wege zu einer so greifbaren Vorstellung von den Unterschieden zwischen seiner jüdischen und einer fremden Religion kommen, daß sie fest im Gedächtnis haftet. Dieser scheinbar nebensächliche Erfolg ist nun im Grunde ein sehr wichtiger. Gerade dem modernen Juden ist ein genaues Erfassen dieser Unterschiede so sehr vonnöten, daß überall der Geschichtsunterricht sich bemühen müßte, den Schüler mit einem sicheren wissen von den wichtigsten Lehren fremder Religionen — praktisch kommt ja nur das Christentum in Betracht — in das Leben hinauszusenden; für den im liberalen Sinne erteilten Religionsunterricht ist es eine geradezu unerläßliche Forderung. Der orthodoxe Jude wird vielleicht mit einem tieferen Verständnis für die Sittenlehre seines Glaubens allein auskommen. Der Jude Rußlands und Galiziens lebt überhaupt in einer ganz anderen Welt als seine Umgebung, und der ehrlich orthodoxe Jude des Westens, obwohl am Kulturleben lebendig teilnehmend, richtet durch die Anerkennung der Göttlichkeit des Zeremonialgesetzes fast eine Scheidewand zwischen sich und dem Anhänger eines anderen Bekenntnisses auf, um dessen Lehre und Leben er sich denn auch nicht im geringsten kümmert. Dem liberalen Juden, dem das Zeremonialgesetz menschliche Satzung ist und der es demgemäß abgeändert hat, kann sich natürlich der Unterschied zwischen Judentum und Christentum nicht allein in Dingen offenbaren, die er trotz ihres unbestrittenen geschichtlichen, symbolischen oder ästhetischen Wertes im Grunde doch für Aeußerlichkeiten ansieht. Aufgabe eines auf liberaler Grundlage erteilten Religionsunterrichtes muß es daher nicht nur sein, die Lehren des Juden-