Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 9 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Felis GslLmann: Are Behandlung fremder Kekrnniniffr 201 gilt dies von der nachbiblischen Geschichte, bei deren Behandlung dieser Gesichtspunkt za häufig leider völlig übersehen wird. Der Religionsunterricht soll eben der Jugend nur insoweit positive geschichtliche Kenntnisse übermitteln, als sie irgend einem praktischen Zwecke genügen, der rein ethischer Natur sein kann oder — was bei der nachbiblischen Geschichte meistens der Lall sein wird — darin besteht, daß er des Rindes Stolz auf seine Gemeinschaft erweckt und in der Erforschung und Darstellung der Vergangenheit das Mittel sucht, um die Stellung zum Judentum in Gegenwart und Zukunft günstig zu beeinflussen. Der Religionsunterricht ist nicht der Grt, um den Schüler rein objektiv historisch denken zu lehren; die Geschichte spielt hier nur die Rolle einer angewandten Wissenschaft. So wird man denn, sobald die Regeln der Pädagogik auch auf diesen Gegenstand ausgedehnt werden und man sich nicht nur des neuentdeckten Gebietes freut, sondern auf seinem Boden Nützliches anpflanzen will, allmählich von der kolossalen Ueberschätzung des nachbiblischen Unterrichts wieder abkommen. An Stelle der blinden Begeisterung, die ihm sogleich nach seiner Einführung einen hervorragenden Platz im Lehrplan anwies, wird eine kühlere Betrachtung treten, und die Gesichtspunkte werden sich klären, nach denen es sich verlohnt, Stücke aus der nachbiblischen Geschichte zu behandeln oder sie aus dem Lehrstoff zu entfernen. Ulan wird im wesentlichen sicherlich dazu gelangen, große Teile zu streichen und nur diejenigen Partien beizubehalten, die für die sittliche Entwicklung und das jüdische Bewußtsein des Rindes notwendig sind. Dazu gehören Stücke aus der Märt-yrergeschichte — besonders aus der der neuen und neusten Zeit — um den Idealismus der jüdischen Weltanschauung in das rechte Licht zu setzen, ferner die Darstellung der großen Rriegshelden und der Leistungen jüdischer Männer und Frauen für die Aufgaben der allgemeinen Rultur, um für das Gebiet der Religion dieselben Ziele zu verfolgen, denen die Behandlung der vaterländischen Geschichte in den Volks- und Mittelschulen nachstrebt; schließlich käme noch das wichtigste aus der inneren Geistesgeschichte und den nachbiblischen religiösen und sozialen Strömungen, um den Schüler mit der Eigenart des jüdischen Geistes vertraut zu machen und ihm die innere und äußere Lage des Judentums in der Gegenwart aus den Entstehungsursachen zu erklären. Daß nun bei einer solchen Betrachtung fremde Religionen an sich keine Behandlung finden werden, leuchtet ein. Obwohl Lhristentum und Islam dem Judentum entspringen, obwohl sie als fertige Erscheinungen oft genug in seine Geschicke eingreifen, wird sich bei einer Stoffwahl nach den oben angeführten Gesichtspunkten nur sehr gezwungen eine Veranlassung finden, sie ihrem Werden und Wesen nach darzustellen. Denn wo auch immer einmal das Christentum oder christliche Völker des Judentums Wege gekreuzt haben, ist es unter Erscheinungsformen geschehen, aus denen man fast das Gegenteil von ihrem theoretischen Wesen herauslesen kann. Es gibt allerdings neben der dogmatisch darstellenden noch eine zweite in ihren Endergebnissen ersprießlichere Betrachtungsweise, die verwendet werden könnte, ohne das zu verarbeitende Material irgendwie zu erweitern. Die vorhandenen Schullehrbücher der jüdischen Geschichte, so gelehrt sie auch geschrieben sein mögen, sind nicht nur deshalb für den praktischen Unterricht meist unbrauchbar, weil selbst die besten ihrer Art wenig mehr als ein wogendes Meer von unzäh* ligen Namen und Büchertiteln darstellen. Ihr weit größerer Fehler ist, daß sie, ohne die Verschiedenheit des Gegenstandes zu bedenken, die Prinzipien, nach denen die Leit-