Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1909-01-01 · 9 (1909) · p. Seite 199

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
9 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 199 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126482-3126492--0214-3126984
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Aas liberale Judentum und dir sozialpolitischen Kfiichtrn der Gemeinden 199 geben, an den idealen Geist der jungen Generation zu appellieren, sie zu frischer Arbeit heranzuziehen. Nun kann natürlich die heutige Generation nicht im einzelnen alle die gleichen Anschauungen über die sozialen Pflichten haben wie Rkoses einst. Auch auf diesem Gebiet heißt es eben: „den ewigen Gehalt unserer Religion in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind."«) Was können aber die jüdischen Gemeinden im Sinn der modernen sozialen Tätigkeit, der Sozialpolitik tun? „Sozialpolitik sind alle gesetzgeberischen und verwaltungsinaßnahmen, welche speziell den Schutz und die Förderung der wirtschaftlich Bedrängten in einzelnen Erwerbsständen sowie die soziale und kulturelle Hebung der unteren GeseUschaftsschichten und des Volkes überhaupt zum Ziele haben."?) Die sozialpolitischen Aufgaben der Gemeinden zerfallen in Maßnahmen zur Stärkung der wirtschaftlich Schwachen, zur sozialen und zur kulturellen Hebung der unteren Schichten sowie der ganzen Gemeinde. was die Förderung der wirtschaftlich Bedrängten im allgemeinen anbetrifft, so muß sich natürlich die Gemeinde auf die vom Staat der Gesellschaft überlassene „soziale Fürsorge" beschränken, in der ja auch die jüdischen Gemeinden tatsächlich durchgehends hervorragendes leisten. Sie können nicht für ihre Rlitglieder Alters- und Znvaliditätsgesetze usw. schaffen, wohl aber können sie entsprechende Bestimmungen zu Gunsten eines einzelnen Erwerbsftandes treffen, für den sie besonders zur Fürsorge verpflichtet sind, zu Gunsten ihrer Beamten und Arbeiter. Es ist unter den Gemeindemitgliedern wohl vielfach gar nicht genügend 6) Programm der v. f. d. l. Z. i. D. 7) Das „Staatsbuch" von R.-A. Dr. Bachem, Freiburg i. B. l90H. bekannt, daß fast überall die Beamten der Gemeinde, wenn sie arbeitsunfähig geworden sind, keinerlei Recht auf eine Versorgung besitzen, hier müßte schleunigst die bessernde Hand angelegt werden durch sorgfältig ausgebaute pensionierungssysteme, die den alten, arbeitsunfähigen, kranken Beamten vor der Not schützen. Auch wäre es eine schöne Aufgabe für eine jüdische Körperschaft, nach den Worten der Bibel den Witwen und Waisen ihrer eingestellten zu helfen und diese Hilfe nicht, wie es dem Geiste vergangener Zeiten entsprach, als Gnade, sondern als Recht zu gewähren. Sie würde dadurch den Staat beschämen und beweisen, daß unter dem Einfluß des ewigen Gehalts der Bibel die Bekenner der jüdischen Religion zu freudigem, modernem, sozialem und ethischem Schaffen fähig sind. Die soziale Hebung der unteren Klassen kann von der Gemeinde dadurch gefördert werden, daß bei Erhebung der Gemeindesteuern die schwächeren Schultern auf Kosten der stärkeren entlastet werden. Zn diesem Punkte wird namentlich von den Großgemeinden viel gesündigt; die reichen Großgemeinden erheben sehr geringe Steuern,, viel zu geringe, um allen den mannigfaltigen Aufgaben, die sie erfüllen und erfüllen sollten, gerecht zu werden. Und diese geringen Steuern werden nach einem System erhoben, das die Reichen noch mehr schont, als unsere Einkommensteuer. Es wird schon mit Recht beklagt, daß bei dieser die Progression gerade vor den größten Vermögen halt macht. Die Gemeinden Berlin — mit geringer Erleichterung für die Aermeren —, Frankfurt a. RI., Breslau, Hamburg, Königsberg, Danzigs) aber erheben einfach einen bestimmten gleichen Prozentsatz des Einkommens, ebenso vom Millionär, wie vom Tröd- 8) Rach dem Jahrbuch des D.-Z. G.-B. von l907.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.