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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 9 (1909) · p. Seite 198

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
9 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
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198 Aas liberale Judentum und dir sozialpolitischen Pflichten der Gemeinden H Das liberale Judentum und die fozialpolitifchen Pflichten der Gemeinden. Von einem jungen Liberalen. ine Frage des jüdischen Gemeindelebens, nicht eine solche der religiösen Entwicklung des Judentums soll im Folgenden behandelt werden. Allenthalben tritt an die jüdischen Gemeinden die Anforderung heran, dem sozialen Geiste der Gegenwart innerhalb ihres Wirkungskreises gerecht zu werden. Aus zwei Gründen sind gerade diejenigen Mitglieder der Gemeindevertretungen, die auf dem Boden des Programms der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland stehen, berufen, dieser Anforderung, die der Geist der Zeit an sie stellt, gerecht zu werden. Es ist eine der wesentlichsten Aufgaben der Vereinigung, diejenigen Teile der Bibel, die Ewigkeits- oder Gegenwartswert haben, hervorzuheben und den ethisch bedeutungsvollen Lehren der heiligen Schrift Bedeutung für das Leben der modernen Juden und speziell für das Gemeindeleben zu verschaffen. Nun findet sich gerade im pentateuch eine Gesinnung ausgedrückt, von der die jetzige Generation im besonderen Maße beseelt ist, nämlich ein ausgeprägtes soziales Pflichtgefühl, das den wirtschaftlich Schwachen gegenüber Gerechtigkeit und Barmherzigkeit übt. Es ist kaum nötig, auf die Einrichtung des Ruhetages als eine soziale Tat ersten Ranges hinzuweisen, oder zu betonen, daß Israel in seiner Sklavengesetzgebung der gesamten übrigen Antike um viele Jahrhunderte voraus war. Bekanntlich wird die soziale Gesinnung in der Bibel nicht nur dem einheimischen Arbeiter und dem Vieh gegenüber betätigt, sondern erstreckt sich sogar auf den Landesfremden; es ist dies eine besondere Errungenschaft für ein Zeitalter, in dem die Begriffe Fremder und Feind fast gleichbedeutend waren?) Noch einige Einzelbeispiele für den sozialen Geist der Bibel. Es wird bestimmt: „Du sollst den Lohn des Taglöhners nicht über die Nacht bei dir behalten bis an den Morgen."-) Es ist bewunderswert, mit welcher Sorgfalt hier für das Auskommen des Arbeiters gesorgt wird. Ferner wird immer mit besonderem Nachdruck die (gewissermaßen obligatorisch gemachte) Fürsorge für Witwen und Waisen gepredigt?) Und dies hat auch für unsere Zeit besonderen wert. Schließlich wird noch eine Maßregel getroffen^), zu der man sich selbst in unserer Zeit nicht zu entschließen vermag, der Erlaß der Schulden im siebenten Jahr. Den Geist, der aus diesen Gesetzesvorschriften spricht, sollten die Liberalen in den Gemeindevertretungen zum Ausdruck bringen?) Von dem weg, der hierbei einzuschlagen ist, soll später die Rede sein. Zunächst soll noch der zweite Grund angegeben werden, dessentwegen die soziale Arbeit in den Rahmen des liberalen Programms gehört. Die Vereinigung will die jüdische Jugend zur Teilnahme am religiösen und auch am Gemeindeleben heranziehen. Unsere jüdische Jugend aber ist erfüllt von dem Gedanken an soziale Tätigkeit, und nichts kann sie eher veranlassen, sich für die Verwaltung der Gemeinde zu interessieren, als Aufgaben auf diesem Gebiete, Hier ist den liberalen Ortsgruppen die Gelegenheit gef) Im ältesten Latein hospes hostis. 2) Lev. \9, *3. 3) so Ex. 22, 2\ und Deut. 2ch O. q) Deut. \5. 5) Neuerdings ist übrigens ein größerer Aufsatz über den sozialen Geist des alten Judentums von Prof. Lewy-Mülhausen erschienen.

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