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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 190

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 190 (sequence 22)
Language
German
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190 Süchrrschau o o o o leider unbekannten, religionsxhilosophischen Schriften näher begründet. Er leitet die griechische Religion aus „der pessimistischen Betrachtung des Menschenelends, namentlich des Todes ab, die das Bedürfnis erweckte, der Welt der jammervollen Sterblichen eine Welt der ewigen seeligen Götter gegenüber zu denken." Daß in der griechischen Religion pessimistische Stimmungen anklingen, ist zweifellos, aber sie treten ebenso oft und mit größerer Stärke und Leidenschaft in der Bibel hervor. Ts genügt zum Beweise dafür der Hinweis auf die Bücher Kohelet und Lsiob. Ebenso wenig nun, wie wir die durch und durch optimistische Religion des Judentums als versuch beuten können, der elenden Menschenwelt eine bessere und höhere entgegenzustellen, scheint es berechtigt, die heitere Götterwelt Homers aus einer schwermütigen Grundauffassung der Welt heraus zu erklären. Das widerspricht der lebensfrohen und harmonischen Natur der Hellenen. Das klassische Volk der Kunst, das die Schönheit der Natur wie kein zweites empfand, hat sich sicherlich nicht aus der schnöden Wirklichkeit in eine Welt der Illusion gerettet, wer die paradiesische Ruhe und Seeligkeit der hellenischen Runst empfindet und die Helligkeit der homerischen Welt kennt, wird eine solche Behauptung als Irrtum erkennen. Die Göttergestalten der Antike sind nicht eine Schöpfung der Sehnsucht, sie stammen aus der andachtsvollen aesthetischen Betrachtung der Wirklichkeit. Im Gegensatz zu den Naturreligionen steht der Glaube Israels. Die Propheten empfinden nicht so sehr die Majestät und Schönheit der Natur, als die Heiligkeit sittlicher Forderungen. Trotz dieser fundamentalen Verschiedenheit läßt sich ein allen Religionen gemeinsamer Zug Nachweisen, der als das Wesen der Religion bezeichnet werden kann. Der Vorwurf der Unklarheit, den Herr Dr. Steckelmacher gegen mich erhebt, ist demnach nicht berechtigt. Aus der Verschiedenheit der Grundbegriffe in den heidnischen Religionen und der israelitischen lassen sich Polytheismus und Monotheismus erklären. „Es kann nur ein einziges Gutes, aber vielerlei Schönes geben." Jede sittliche Tugend hat die Tendenz, sich mit allen andern zu verbinden, wer nach Sittlichkeit strebt, will die Summe aller moralischen Forderungen realisieren, von jedem Punkte der sittlichen Welt aus entsteht außerdem das Verlangen nach einer sittlichen Ordnung des Universums. Zwei verschiedene sittliche Weltordnungen kann es nicht geben. So ergibt sich der Monotheismus als Konsequenz einer moralischen Weltbetrachtung. Die verschiedenen Gattungen des Schönen dagegen haben nicht die Tendenz, sich zu verbinden. Darauf beruht ja der Zauber des Schönen, daß es in sich geschlossen ist und nicht über sich hinaus weist. Es kann vielerlei Schönes geben, weil seine verschiedenen Formen unabhängig nebeneinander bestehen. Das ist die logische Voraussetzung des Polytheismus. Die grandiose Schönheit des Meeres existiert neben der Erhabenheit des Sonnenballs. Daher konnte es einen Neptun neben Apollo geben. Diese Gedanken erscheinen mir so selbstverständlich, daß ich in meinem Buche auf ihre weitere Ausführung verzichtet habe. In keinem Falle sind die zitierten Worte so zu verstehen, daß es nur eine einzige sittliche Tugend gibt. Schönheit ist eine Form körperlicher Erscheinung, Sittlichkeit eine bestimmte Beschaffenheit des Willens. Daher sind die heidnischen Göttergestalten körperliche Wesen, der eine Gott der Propheten ein Geist. Dagegen bemerkt Herr Dr. Steckelmacher: „In seiner konkreten Form ist das Schöne, ebenso wie das Gute körperlich, da sie beide an wirklichen Menschen und Dingen zur Erscheinung gelangen, abstrakt gefaßt, sind Schönheit und Güte beide geistige Potenzen." Der Begriff des Schönen ist selbstverständlich geistig, aber die Religion operiert nicht, wie die Philosophie, mit Begriffen. Der religiöse Mensch steht unter dem unmittelbaren Eindruck der Natur in ihren zahllosen Formen und empfindet die Größe und Schönheit ihrer sinnlichen Erscheinung. Daher wird ihm Gott ein körperliches Wesen, wenn er von der Natur ausgeht. Sittlich gut dagegen ist, um mit Rant zu reden, immer nur der Wille, daher ist das Moralische ein seelisches Phänomen, wenn auch sittliche Handlungen von Menschen vollzogen werden. Nach den Ausführungen des Rezensenten müßte auch die Wissenschaft etwas Körperliches sein, weil sie „am wirklichen Menschen zur Erscheinung gelangt".

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