Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 191

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 191 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3126481-3126482-3126491--0205-3126974
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

o o o o Rundschau 191 Der eine Gott Israels ist als sittliches Wesen geistiger Art, aber er ist auch der Schöpfer der Natur, die voll ist seiner Herrlichkeit. „Ls rühmen die Himmel die Ehre des Herrn." Was bedeuten diese Worte anderes, als daß auch die Schönheit der Natur religiös empfunden ist. Nach der Ansicht des Rezensenten hätten die Propheten so zu einem Ditheismus gelangen müssen. Er übersieht, daß die Seele des Menschen nicht nach logischen Gesetzen gebaut ist, und daß sich die Fülle ihrer Motive nicht auf ein einziges logisches Prinzip bringen läßt. Der Grundton der jüdischen Religiosität ist das ethische Pathos, aber sie ist nicht monoton. Die Schlußworte des Schöpfungsberichts geben in klassischer Form ihre charakteristische Melodie. Welchen Sinn sollten sie sonst haben? Die Vollkommenheit der Welt kann, da sie das Werk eines heiligen Willens ist, nur sittlicher Art sein. Ls müßte denn der Gott des \. Kapitels der Genesis ein anderer sein, als der „heilige Israels". Die Grundlage aller Religion bilden die im Universum vorhandenen Werte. Die Wissenschaft hingegen ist gegen alle Werte gleichgültig. Das heißt natürlich nicht, daß sie das Schöne und Gute nicht untersucht, wie der Rezensent meine Worte verstanden hat, sondern, daß der Forscher mit demselben Interesse das Schlechte und Häßliche Betrachtet. Ls handelt sich also um eine von der religiösen prinzipiell verschiedene Betrachtungsweise. Das bestreitet Herr Dr. Steckelmacher. „Warum soll die Wissenschaft für die Weltgesetze nicht einen Gesetzgeber annehmen?" Aber abgesehen davon, daß die Wissenschaft grundsätzlich sich innerhalb der Erfahrung hält, würde eine solche Grenzüberschreitung sie ihrem Ziele nicht einen Schritt näher bringen. Die bestimmte Beschaffenheit der Naturgesetze wird uns nicht im geringsten klarer und verständlicher, wenn wir sie als den uns unerkennbaren willen eines göttlichen Gesetzgebers betrachten. Man kann den prinzipiellen Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft nicht scharf genug betonen. Der Glaube kann dabei nur gewinnen. — In der Frage der Willensfreiheit besteht nach der Ansicht des Rezensenten zwischen der jüdischen Religion und der Wissenschaft ein unversöhnbarer Gegensatz. Lr beruft sich auf den unleugbaren Tatbestand der Kausalitätslosigkeit unseres Handelns. Mit viel größerem Recht könnte meiner Meinung nach der Determinismus sich auf die Tatsache berufen, daß die Handlungen der Menschen von seinem Temperament, den Einflüssen der Erziehung, der Einwirkung der Umgebung nicht unabhängig sind. Der Standpunkt des Herrn Dr. Steckelmacher ist aber um so weniger berechtigt, als das Judentum, wenn er Recht hätte, auf eine wissenschaftliche Betrachtung der Welt überhaupt verzichten müßte. Wenn das Kausalgesetz für das Gebiet des Seelischen keine Geltung hat, braucht es auch in der Körperwelt nicht unbedingt zu herrschen. Das heißt aber unsere Religion dem Mystizismus ausliefern, während es doch stets unser Stolz war, die Wissenschaft, also die Vernunft der Menschheit auf unserer Seite zu wissen. Obwohl ich Bie Einwände des Herrn Dr. Steckelmacher nicht als berechtigt anerkennen kann, sind sie mir dennoch willkommen, weil sie mir Gelegenheit geben eine Diskussion anzuregen, die vielleicht dahin führen Iwird, das Interesse für religionsphilosophische Fragen in weiteren Kreisen unserer Glaubensgenossen zu wecken. Rundlchau. ie vom Liberalen Verein der Synagogen - Grrnrinde zu Breslau für den 20. Febr. einberufene öffentliche Versammlung erfreute sich eines zahlreichen Besuches von Männern und Frauen aus allen Berufsständen. Der Vorsitzende, S a n.-R a t D r. Reich, setzt zunächst die Gründe auseinander, welche zur „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" geführt haben und glaubt aus dem heutigen zahlreichen Besuch schließen zu sollen, daß die Begeisterung, welche damals die Delegierten in Berlin erfüllt habe, auch hier in weiteren Kreisen vorhanden sei. Nunmehr nimmt das Wort Justiz rat Breslauer-Berlin zu seinem Vortrage über: „Ziel und Zweck der Vereinigung für

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.