Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 8 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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188 SüchrrfchAu o o o o „Ach Du, ich darf Dich nicht zum Geburtstag einladen — weil — —" „weil —?" fliegt es erwartunsvoll über Ilses zitternde Lippen. „weil — ja weil —" von plötzlichen Tränenstößen ist Ninas Stimme kaum verständlich. „Weil Du jüdisch bist —" „Ach —!" Lin weißes Gesichtchen lehnt sich an Ninas Schulter. Sekundenlang bleibt es lautlos zwischen beiden, dann, weil sie sich nicht besser zu Helsen wissen, schluchzt Line leise am Halse der Andern, bis Ilse leise fragend wiederholt: „weil ich jüdisch bin? Ich kann doch nichts dafür —" „Und ich doch auch nicht," fügt Nina ängstlich hinzu, während sie die Freundin streichelt. „Und denke Dir blos, zusammen zur Schule gehen sollen wir auch nicht mehr." Ilse kann's garnicht fassen. Nur das Line fühlt sie: das muß ungerecht sein. Aus Ninas Verwandte zu schelten wagt sie nicht. Ls sind ja doch deren Lltern und große Leute, und gegen die Großen kommt man doch nie aus. Nina berichtet weiter, wie es gekommen. Ihr Bruder hat sie gestern zusammen gesehen, er hat Ilse zwar schön genannt, aber — ad\ — so sehr Nina gebeten hat, zu Hause wird diese Freundschaft nicht mehr geduldet. Immer dunkler wird es im Trexpenflur. Nina redet noch etwas von „sich recht oft heimlich sehen", aber Ilse hört nicht aus, herzbrechend zu weinen. Gestern der Schwur ewiger Treue und nun dieses bittere, unverschuldete Weh. „womit soll sie sich verteidigen, wie sich entschuldigen?" — Die Rinder haben sich fröstelnd dicht aneinander geschmiegt. Sie gleichen jetzt beinahe den Spatzen aus Ilses Bildchen. Sie ahnen, man hat ihnen da etwas Schönes unwiederbringlich zerschlagen. — „Ich muß nach Hause, sonst ängstigt sich meine Mutter-an die Uhr komme ich morgen nicht —." Und beinahe laut ausschreiend fügt Ilse hinzu: „Nie mehr werd' ich kommen!" Scham und Stolz haben sich plötzlich m ihr aufgebäumt, aber auch ein großes Mitleid ist über sie gekommen, sie weiß selbst nicht, ift's mit sich — ist's mit Nina. Innig streichelt sie deren Hand und bittet: „Geh' nun hinaus, Ninachen — weine nicht — es hätt' ja soviel Schlimmeres sein können als dies — blos, daß ich jüdisch bin. Ninachen, geh — Du frierst so — ich wein' doch garnicht mehr — meine Mutter hat auch ausgehört, um Vater zu weinen." Und dann beinahe lächelnd: „wir haben doch nichts getan." Nina atmet auf, nun gehen zu können. Ilse spricht ja schon wieder beinahe wie sonst, so besorgt für sie und so ängstlich. Noch ein inniges Umfangen, und Ninas Schritt verhallt auf den Treppen. Unten im Treppenwinkel aber preßt ein kleines Mädchen seinen Roxs in beide Hände und schluchzt bitterlich. Das Gebichtchen „Die Spähen" hat ein Kleiner zehnjähriger Lnave verfaßt; sein Name ist Luit Lange Büdierfchau. Fszarus Moritz, Are Erneuerung des Judentums. Ein Aufruf. Merlin, Georg Reimer, 1909. Lin Vermächtnis an seine Glaubensgenossen, an die Juden, die nach ihm leben Verdienst erworben hat. Lin verdienst vor werden, nennt der unvergeßliche Begründer der Völkerpsychologie diese Schrift, die Jahrzehnte lang in Lazarus', noch viele unbehobene Schätze bergendem Schreibtisch geschlummert hat, und mit deren Herausgabe die Witwe des Verfassers sich ein bedeutendes Verdienst erworben hat. Lin Verdienst vor