Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 8 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 187 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Franziska Mann: Woher find der Tranen nntrrm Mond soviel? 187 Und niemand Hort mehr in Straß' und Gaß: „Ach bitte schenken Sie uns was" Von den armen kleinen Spatzen. — — Der Ruß, mit dem Nina ihren Dank ausdrückt, nimmt gar kein Ende und die großen Worte ihrer Bewunderung noch weniger. Und nachher das Höchste: der Schwur ewiger Treue. Ilse ruht nicht, bis sie mit Hilfe einer Stecknadel einen Blutstropfen aus ihrer Handfläche rinnen sieht. Den Tropfen muß Nina trinken, um dem Schwur ewiger Treue die höchste weihe zu verleihen. Zu früh, viel zu früh ist der Abend gekommen. — Cags darauf steht Ilse wie nun immer erwartungsvoll neben der großen Uhr. Diesmal noch ganz berauscht vom gestrigen Sonntag. Die Gewißheit ist zu aufregend, nun bis zum Tode Nina's einzige und beste Freundin zu bleiben. Vor dem Einschlafen hätte beinahe wieder ein Gedicht das Licht der Welt erblickt. Die Ueberschrift sollte lauten: „Treu bis zum Grabe." Aber Mutter löschte die Lampe aus und Ilse schlief beglückt ein, auch ohne gedichtet zu haben. — Nina kommt ein wenig verspätet zum Stelldichein. Schon von weitem sieht Ilse, ihre Augen sind verweint, und im Ganzen scheint ihr die schwärmerisch Geliebte so anders, so still und so ohne Freude heute, trotz des Schwures ewiger Treue, während Ilse ihren Arm in den der Freundin schiebt, fragt sie immer wieder: „Was ist Dir, sag' doch." „Ach nichts." „Wirklich nichts? Schwöre!" „Ach, Unsinn, nichts. Laß' mich doch." „Aber ich Hab' Angst, Nina. Bitte, bitte. Hast Du mich denn heut' nicht mehr so lieb?" Nina schweigt ein wenig verlegen. Aber unermüdlich schwätzt Ilse in sie hinein, ob es gestern nicht himmlisch war, oder ob sie zu Hause Schelte bekommen, ob einer krank, ob sie ihr etwas getan habe, ob die Spatzen doch vielleicht nicht, schön genug gewesen. — Während der Stunden kann Ilse heute garnicht so gut aufpassen wie sonst. Sie ist die Erste der Rlasse, aber heute verdient sie diesen jAatz eigentlich garnicht. Immer muß sie sich ängstlich fragen, weshalb Nina heute früh so anders gewesen ist. Seit gestern Abend haben sie sich doch garnicht mehr gesehen und mit dem Schwur ewiger Treue und mit unzähligen Rüssen sich getrennt. Ohne Grund kann man einen doch nicht weniger lieb haben. Endlich schlägt es zwölf Uhr. „Rasch, Nina, komm!" „Ja gleich. Aber die Lene will mit uns gehen —" „wie schade — zu Dreien ist es lange nicht so schön — und gerade heute. Dann also nach Tisch." Ach, diese Turnstunde! Nimmt sie denn heute gar kein Ende! Im leise tropfenden Regen gehen die Mädchen von dannen. „Ninachen, ich Hab' Dich ja so furchtbar lieb." Und nun folgen einige Fragen bezüglich der Geburtstagsfeier. Nina antwortet ausführlich und doch, trotz der vielen Worte — das Feingefühl der Liebe sagt Ilse, daß die Freundin heute nicht mehr dieselbe wie gestern ist. während sie dies und das von der Schule plaudern, steigt in Ilses kleinem, heißen Herzen von neuem eine beklemmende Angst auf, und plötzlich beginnt sie wieder flehend: „Was Hab' ich denn getan, sag', sag'!" Der Regen fällt stärker. Die Rinder sind in Ninas Hausflur getreten. Sie haben sich im Dämmerlicht auf eine Treppenstufe gesetzt. Dicht aneinander geschmiegt, Hand in Hand. „Sag' doch, ist es denn so furchtbar?" bettelt Ilse. Und zögernd, fast flüsternd beginnt Nina: