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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 186

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 186 (sequence 18)
Language
German
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186 Franziska Mann: Woher find der Tranen nnterm Mond soviel? dem Klavier. Dann versuchen beide das Tuatremain für Ninas Geburtstag einzuüben. Zehn Schulfreundinnen sollen eingeladen werden, und das Allerköstlichste wird sein, daß Ninas Eltern an diesem Tage mit Ilse und dem Vuatremain überrascht werden sollen. An den Tanzstund enjung en liegt ihnen beiden garnichts, aber „die Herren" müssen zur Erhöhung des Vergnügens und zur Uebung doch aufgefordert werden. — Bisher hat Ilse mit ihrer Mutter ganz zurückgezogen gelebt, seitdem sie aus der kleinen Stadt unlängst hierher übergesiedelt sind. Ninas Eltern sind dagegen allbekannte und angesehene Leute. Sie bemühen sich, ihr Rind standesgemäß zu erziehen — vielleicht lieben sie es auch standesgemäß. Nina „darf" nur nach Vorschrift empfinden; ihr Herz hat sich 'beinahe an die vorgeschriebene Gefühlsroute gewöhnt. Um so fröhlicher sonnt es sich in Ilses heißer Bewunderung. — Wirklich, diese Sonntagsnachmittags- Freuden lassen sich garnicht schildern. Lange Zeit überlegen die Freundinnen in Anwesenheit der Mutter, was sie werden wollen. Denn werden muß nun setzt doch mal sedes Mädchen etwas, das weiß Ilse längst ganz genau. Am liebsten möchte sie ja nur wie die Mutter Zu den Armen gehen und zu den Kranken, und nicht eher von ihnen fortgehen, bis sie lachen, aber wirklich so lachen, als ob garnicht das traurige Leben für sie da wäre. Nina hingegen denkt es sich großartig, Hofdame zu werden, obgleich sie noch garnicht weiß, was man alles dazu gelernt haben muß. Und dann kommt der große Augenblick, in dem Ilse ihr Tagebuch aus der festverschlossenen Schatulle holt. Keines Menschen Auge hat es je gestreift. Nina muß die Hand zuerst feierlich zum Schwure heben, nie über die Lippen zu bringen, was sie nun lesen wird. Ach, über das süß Geheimnisvolle, welches das ganze Stübchen zu erfüllen scheint, während zwei Köpfe sich hinter verschlossener Tür über das Buch beugen, um Ilses Gedichte zu lesen! Das ist ja eben das Wunderbare, Ilse kann Verse machen, noch nicht ganz so wie einst ihr j)apa, aber doch schon ein bischen. Ihr letztes Gedicht ist erst am Tage vorher entstanden, beim gemeinsamen Anschauen eines Bildchens, welches der Automat nebst einem Täfelchen Schokolade hergab. Merkwürdig, alle Verse der lustigen Ilse werden traurig, sie weiß selbst nicht, woher das kommt. Und nun versichert sie erst, sie geniere sich „mächtig", der Freundin ihre verschen anzuvertrauen. Aber dennoch, sie möchte doch auch so gerne ein bischen angestaunt und bewundert werden. Nina muß zuerst also doch ein Weilchen bitten und betteln, ehe Ilse mit leiser Stimme und glühenden Bäckchen liest. — Auf jenem Bilde duckten sich zwei Spätzchen frierend und zitternd nebeneinander. Als dann Ilse im warmen Stübchen ihrer Mutter sich vorgestellt hat, wieviel besser es ihr geht, und wie oft sie auf dem kleinen hübschen Sofa, eng an Nina geschmiegt, gesessen hat, ist das Gedichtchen entstanden, mit der Ueberschrift: Die Spatzen. Es war zur kalten Winterzeit, Das Futter lag so tief verschneit. Das Futter der kleinen Spatzen. Sie suchten es hier und suchten es dort, Sprach "keiner zu ihnen ein freundlich Wort Zu den armen kleinen Spatzen. Nur als die Spatzen erfroren, so kalt. Da kamen Kinder aus dem Wald Und wollten Futter streuen. Die Kinder alle weinten sehr, Flog keiner der kleinen Spatzen her Und naschte von ihren Körnern.

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