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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 185

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 185 (sequence 17)
Language
German
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Franziska Mann: Woher find der Tränen unterm Mond soviel? 185 stündchen miteinander heimwärts zu schlendern. Zwar wissen sie noch garnichts von einander, doch gerade das erhöht den Reiz des Kommenden. hastig stülpte Nina die rotgestrickte Mütze auf, während Ilse ein wenig umständlicher ihren Matrosenhut auf die dunklen Haare setzte. Gleich auf der Treppe faßten sie einander unter, und dann trabten sie im Hellen Sonnenschein langsam dahin. Manch eines Mädchens Auge folgte ihnen beinahe neidisch. Aber Nina und Ilse sind viel zu sehr miteinander beschäftigt, um auch nur einen Blick auf die andern zu werfen. „Das Beste an der Schule sind doch nur die Freundinnen,"erklärte Ilse. Sie hat sich immer gleich mit glühender Schwärmerei an ihre Auserwählte geklammert. Seitdem Grete Lenz mit ihren Eltern fortzog, ist Ilse's Herz frei — frei und sehnsuchterfüllt. Obgleich es ihr nicht an Kameradinnen fehlte, die tolle blinde Liebe, wie sie sie für Grete Lenz gefühlt hat, ist noch nicht wieder über sie gekommen. volle vier Wochen hat Ilse kein Ideal gehabt, niemanden, den sie himmlisch, göttlich, hinreißend findet, niemand, der ihr Herzklopfen verursacht, der ihr Gesichtchen kirschrot färbt. Nun aber geht sie neben Nina dahin und bei jedem Schritt kommt es ihr vor, als werde es lustiger und Heller. Von all den lausend Fragen, die die Mädchen einander gern entgegengesprudelt hätten, kommen nur wenige über ihre Lippen. Ilse ist es Freude genug, Nina nur in die blauen Augen zu gucken, oder sie ein bischen an den Hellen Zäpfchen zu ziehen. — Ehe sich beide vor Nina's Wohnung trennen, verabreden sie — das ist doch selbstverständlich — den Schulweg morgen zusammen anzutreten. s)unkt 3/4 wird Ilse an der großen Uhr warten. Und nun noch ein zögerndes Nebeneinanderstehen, ein leises wispern. Dann, als die Uhr dröhnend dazwischenschlägt, springt Nina hastig nach oben, und Ilse stürmt im Galopp der mütterlichen Behausung zu. Ach, erst am nächsten Tage um dreiviertel an der großen Uhr! Die Stunden gehen gar zu langsam weiter. Zum Zeitvertreib kritzelt Ilse immer wieder das Bild ihrer neuen Freundin aufs Löschblatt. Zu erkennen ist's zwar noch nicht, aber die Vorstellung verursacht schon Freude, daß es doch einmal gelingen kömtte. Dann wieder tanzt sie wie ein Wirbelwind durch's Zimmer. Sie ist garnicht fähig, so gut wie sonst zu arbeiten. Manchmal sagt sie leise: Ninachen! welch' schöner Name! So vornehm und so passend für das Helle Gesichtchen: Ni na — Ni na. — Die Kleine lebt mit ihrer Mutter allein, der Vater ist längst gestorben, damals, als das Kind erst zwei Jahre zählte. Ilse ist noch nicht dahin gelangt, seinen Verlust zu empfinden. Fröhlich lebt sie mit der stets tättgen Mutter dahin. Jede Blume, jeder Vogel, jeder Sonnenstrahl beglücken sie. Ihre Brust scheint ganz von Liebe erfüllt zu sein: Liebe zu ihrem Gotte, an den sie so oft andächtig ihre kindlichen Gebete richtet, Liebe zur Mutter, Liebe für alle Erwachsenen, an die sie mit unerschütterlichem vertrauen glaubt, Liebe zur Natur, und nun noch wieder die große neue Liebe für die eben gewonnene Freundin. Denn bereits am zweiten Tage ihrer Bekanntschaft hängt jeder Gedanke des Kindes mit Nina zusammen, wenn nur die Mutter sie erst kennen würde! Deren leise Ulahnung, sich nicht gar zu stürmisch an Nina zu hängen, wird natürlich nicht beachtet. Das kann doch nur allein die Ilse wissen: ihre Nina ist ein Engel. — Und wirklich, auch die Mutter freut sich der lieben neuen Bekannten ihres Kindes, als dasselbe glückstrahlend ihr die so heiß Geliebte ins Zimmer schiebt. Herrlich ist dieser Sonntag-Nachmittag. Zuerst singt Ilses Mutter schöne Lieder. Hand in Hand stehen die Freundinnen neben

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