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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 184

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 184 (sequence 16)
Language
German
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184 Foms Gerwain-Levy: Ass Wesen der jüdischen Moral Die Zedokoh ist die köstliche Verschmelzung dieser beiden Mächte in feinfühliger Mischung. Den Menschen zum Zadik zu machen, ist also der Zweck der jüdischen Moral. Welcher Mittel nun haben sich die Lehrer in Israel zur Erreichung dieses Zieles bedient? Sie haben versucht, auf die Gewissen einzuwirken und den Charakter durch 'den vierfachen Einfluß der -Vorschrift, der Erziehung, der Umgebung und der Geschichte heranzubilden. Die Vorschrift, ein kurzer, klarer, scharf geprägter Satz, prägt sich dem Gedächtnis ein und bannt in die zusammengedrängte Kürze eines Moments eine ganze Lehre. Aber sie kann den Geist ergreifen und sogar das Herz erschüttern, ohne jedoch die Handlungsweise zu beeinflussen, hierzu bedarf es einer Erziehung, die gleichzeitig Geist und Temperament beherrscht. Die Erziehung geschieht durch den Unterricht, die Uebung und die Arbeit. In Israel war der Unterricht weit verbreitet, jedem zugänglich, Frauen, Kindern und Armen. Andererseits hatten die Gelehrten alles, jede Bewegung, jeden Schritt geregelt. Diese kleinliche Genauigkeit erscheint uns heute übertrieben, aber sie hatte den pädagogischen Zweck, das gewöhnliche Tun, jeden Monrent des täglichen Lebens zu vergeistigen. Was die Arbeit anbetrifft, so war sie für alle obligatorisch. Die zehn Gebote schrieben sie als eine wesentliche Pflicht vor, und die Rabbiner empfahlen den Eltern auf's Angelegentlichste, ihre Söhne ein Hand-r werk erlernen zu lassen. Außerdem waren die Rabbiner meistens selbst Handwerker. Als weitere Erziehungsmittelfind noch die zu nennen, welche die Umgebung darbietet: Die Familie, der öffentliche Gottesdienst, Lehrer und Freunde. Alle diese wurden verwertet, um den wohltätigsten Druck auf die sittliche Stimmung des Einzelnen aus3imfrcn, um in ihm das Gefühl der Pietät, der Ehrfurcht, der Zärtlichkeit und des Vertrauens zu stärken. Endlich diente die Geschichte als beständige Lehre, diese Geschichte bitterer Verfolgungen, weil Israel seinem Glauben treu bleiben wollte, diese Geschichte mit ihren Melden des Gedankens und der Tat, mit ihren Patriarchen, Propheten, Gelehrten, Märtyrern, welche durch ihr Beispiel die sittliche Idee sozusagen lebendiger, klarer, greifbarer und vertrauter erscheinen lassen. So können wir sagen, daß das Judentum die Grundsätze des höchsten sittlichen Ideales aufstellt. Um dessen Verwirklichung herbeizuführen, umgibt und durchdringt es jeden Einzelnen mit seinem gesegneten Einfluß und will die gute Tat zur Gewohnheit machen. Es will Gebildete schaffen, die gleichzeitig Charaktere sind: den wahrhaften Gedanken mit der zarten Empfindung, das gute Gewissen mit dem festen Willen vereinen. „Malier find der Tränen unterm ITtond soviel?" Von franzislfa JTlann-Berlin.*) ie große Freundschaft zwischen Nina und Ilse währt erst acht Tage. Gleich in *) Die von der bekannten Verfasserin der reizenden „Kinder"geschichten uns gütigst zur Verfügung gestellte Geschichte ist einem demnächst erscheinenden zweiten Bande: „Kinder" oder „Kindergeschichten" entnommen. D. Red. der ersten Schulpause schritten die Kinder auf einander zu. Der blonden Nina blieb nur gerade Zeit, noch rasch zu nicken auf Ilse's Frage, ob sie zusammen nach Hause gehen wollten. Aber beide Mädchen freuten sich im Stillen gleich an diesem ersten Vormittage mit der Aussicht, nach Schulschluß ein Viertel-

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