Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 8 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 183 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Louis Gerrnsin-F6vy: Aas Wesen der Mischen Moral 183 weltordrrung von einander abweichen, so stehen sie deshalb doch nicht in Widerspruch. Das Gute besteht nicht in der Beeinträchtigung und Verstümmlung der Natur. Die Natur soll zur Verwirklichung des Geistes dienen. Das Judentum ermutigt das ascetische Leben nicht: „Das Gesetz ist nicht den Engeln gegeben worden" (Berakoth, 25 b). warum die Freude zurückweisen, die die Erhebung, die Ausdehnung und Ausspannung des Lebens ist, der Vorgeschmack der Größe der göttlichen Freiheit? Die Strenge und der Ernst haben ihre Zeit, das Sichgehenlassen und die muntere Laune haben ihre Zeit. „Die Zerknirschung an den Fasttagen", sagt Juda Halävi, „bringt Dich Gott nicht näher, als die Freude des Sabbat und der Feiertage." Nicht in Traurigkeit, sondern mit froher Seele will Gott, daß man ihm diene (Psalm 100, 2). Die füdische Moral ist außerdem noch eine Lehre des Lebens, weil sie die Familie zur Achse und zum Drehpunkt des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens macht, indem sie die Ehelosigkeit verwirft und eine große Nachkommenschaft verlangt. Der Rraftüberschuß, welcher den gereiften Mann kennzeichnet, soll sich in neue Existenzformen ergießen, welche in der Welt den im Ebenbild Gottes geschaffenen Adam vermehren, um tatkräftige Ausgangspunkte zu werden, Schöpfer neuer geistiger und moralischer werte, die dunkle Gewalten der Ma- Lerie dem Dienste des Idealen zuführen. Die jüdische Moral ist eine Moral der gesellschaftlichen Solidarität, welche auf der Wertschätzung der menschlichen Persönlichkeit beruht. Der Mensch, so heißt es in der Genesis, ist im Ebenbild Gottes geschaffen. Das ist eine orientalische Ausdrucksweise, welche der modernen Formel von dem eminenten Wert des vernunftbegabten und freien Menschen entspricht. Einer für alle und alle für und durch einen, das ist die wahre Bedingung der sittlichen Entwicklung. Das Gesetz wurde nicht für den Einzelnen, sondern die Gesamtheit gegeben, auf daß sie „eine heilige Gemeinde" werde (Deut. VH, 6). Gerade das, was seine „Menschlichkeit" ausmacht, kann der Mensch erst durch und im Zusammenleben entfalten. Wenn einem Volke als sein Ideal aufgestellt wird: „Ihr sollt mir sein ein Volk von Priestern" (Exodus XIX, 6), so will man damit jeden zum Range des Verkünders der Wahrheit und Sittlichkeit erheben, denn für sich selbst ist man nicht Priester, sondern für die Andern. Um wirksam und erfolgreich zu sein, muß sich diese Gemeinschaft an einer Liebe erwärmen, die sich auf alle Wesen erstreckt, auf Witwen und Waisen und auf den Fremden, ja selbst auf das Vieh (Deut. 5, Lev. 25, 7). Ein anderer charakteristischer Zug des Judentums ist sein Optimismus. Es glaubt an Fortschritt; es glaubt, daß trotz allem, das Gute am Ende siegen wird. Irr begeisterter Lvrik verkünden die Propheten „neue Fimmel und eine neue Erde", die glückliche Zeit, da der Wolf neben dem Schafe wohnen wird, wo es kein Elend und Leiden mehr gibt, wo die Einheit zwischen Menschen und Völkern erblühen wird. Die höchste Tugend, nach der das Streben der jüdischen Sittenlehre zielt, ist die Zedok o h, ein Wort, das kein Aequivalent in unseren Sprachen hat. „Zedokoh" ist die harmonische Mischung von Gerechtigkeit und Liebe; es ist die innige Durchdringung dieser beiden Eigenschaften, von denen jede, getrennt von der anderen, zu schlimmen Folgen führen kann. Die zu rauhe, herbe, kalke Gerechtigkeit, ohne Mitgefühl, wird leicht zur Bosheit, ja Grausamkeit: „Summum jus summa injuria". Die Gerechtigkeit soll sich durch Liebe erweichen lassen. Andererseits läuft Liebe, die nicht durch Gerechtigkeit eingedämmt und geleitet wird, Gefahr, eine blinde Rraft zu werden und viel Unheil zu verursachen.