Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 8 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 182 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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182 Louis GrrrnLin-Fvvy: Ass Mrsrn der jüdischen Morsl Oas Msen der jüdifdien JTloral und die fiftliche Erziehung im Judentum, von Conis Germain-Ceny, kabbln de I'Union liberale Jsrae'life de Paris. in sehr interessantes und noch vorzunehmendes Studium wäre die Verfolgung der Entwicklungsgeschichte des jüdischen Moralgedankens. Vergleichen wir beispielsweise die Stelle in Deut. XI, —25, wo materieller Lohn denjenigen versprochen wird, die dem Gesetz gehorchen und Kapitel XIX in Lev., wo die Befolgung der Gebote nur der Schönheit seines Wertes willen verlangt wird. Hier ist nicht mehr von Belohnung die Rede, sondern das Gesetz ist in Anbetracht der göttlichen Majestät gegeben: Ani Adonai. Ls soll unsere heutige Aufgabe jedoch nicht sein, diese Evolution festzustellen, wir wollen in einem kurzen Ueberblick summarisch zeigen, zu welchem Grade der Vollkommenheit sich die jüdische Ethik herangebildet hat und welcher Mittel sich diese Ethik bedient, um ihre Grundsätze da aufzuxflanzen, wo man ihr ein lebendiges Interesse entgegenbringt. Die Veranlagung Israels war von Grund auf so tief moralisch, daß es nicht das Bedürfnis empfunden hat, die Ausübung des Guten begründen zu wollen. Das Streben nach Vollkommenheit war für dieses Volk das Atmen seiner Seele. Wohl verstanden, das soll nicht heißen, daß die jüdische Sittenlehre nicht begründet sei. wir wollen nur sagen, daß Israel sich nicht kritisch mit der Auffassung „des Guten" beschäftigte. Ihm galt das Gute als mit der ganzen Kraft seiner absoluten Autorität gegeben. Das Prinzip, auf dem die jüdische Sittenkehre beruht, ist der heilige Gott. Er ist das lebende Gesetz, die Verwirklichung des Guten. „Recht tun und Gott Gehorsam leisten", das ist ein und dasselbe. Aber der Gehorsam ist hier nicht der des Schwächeren, der sich aus Furcht vor dem Stärkeren beugt, wie Dr. Lazarus richtig bemerkt hat, das Gesetz ist nicht moralisch, weil es Gott gegeben hat, sondern Gott hat es gegeben, weil es moralisch ist. Ls heißt nicht: „Seid heilig, weil Ich es will", sondern es heißt: „Seid heilig, denn Ich, der Ewige, bin heilig" (Lev. XIX, 2). Das Moralgesetz ist ein Gesetz für Gott sowohl als den Menschen. Folglich ist die jüdische Sittenlehre sich selbstregierend, autonom. Und sie ist nicht nur ihrer Begründung, sondern auch ihrem Zwecke nach autonom, denn außer ihrem eigenen hat sie keinen anderen Zweck. Dem talmudischen Ausspruch folgend, muß man „das Gesetz um seiner selbst willen befolgen", d. h. um der Schönheit der Pflicht willen. In Sifr6 Ekeb lesen wir: „Erfüllet Eure Pflicht nicht um persönlichen Vorteils willen, sondern aus £iefce". So heißt es im Psalm \\2, f: „Glücklich der Mensch, der den Ewigen ehrfürchtet und der sich an seinen Geboten ergötzt." Rabbi Eleasar sagt: „An den Geboten und nicht an den Belohnungen." Ich erinnere noch an Rax. XIX Lev. Die Belohnung einer sittlichen Handlung selbst kann nur eine sittliche sein: ein Zunehmen an würde, der Wunsch nach Vervollkommnung. „Der Lohn einer tugendhaften Handlung", sagt Ben Asai, „ist eine weitere gute Tat, und die Strafe für eine Sünde ist eine weitere Sünde." Im Uebrigen sind das Gute und das Leben eins (Deut. 30, (5). Gutes tun, heißt die Wirklichkeit in reicheres, tieferes und fruchtbareres Leben umwandeln. Derjenige, der eine sittenreine Tat vollbringt, wird zum „Mitarbeiter Gottes an der Erschaffung der Welt". Die jüdische Moral ist eine Moral des Lebens. Für Israel ist das Leben wertvoll. Wenn auch die natürliche und die sittliche