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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 181

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 181 (sequence 13)
Language
German
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Ar. Krrrch. Münz: Air Notwendigkeit der religiösen Fortentwicklung 181 Streb ens, eine Verkümmerung der höchsten Gabe, der Vernunft, im Gefolge hat, sofern sie beispielsweise eine wirkende Idee, eine metaphysische Zweckpotenz, welche den Faden des Geschehens aus goldener Ferne, aus Tiefen des Seins spinnt, ohne in den allgemeinen Zusammenhang des Wirklichen mit eingeordnet zu sein, gelten läßt und die Entstehung der Welt und des Einzelnen in ihr als eine Wundertat, die Natur als durch einen Schöpfungsakt plötzlich fix und fertig gegeben betrachtet, somit die das Lebenselement unserer modernen Kultur bildende Deszendenztheorie ausschließt, die innerhalb gewisser, durch die Philosophie gezogener Grenzen mit d er th eisti sch - teleologisch en weltanschauung ganz gut in Einklang gebracht werden kann. Daß der Menschengeist nicht auf einmal von der Gottheit ins Dasein gerufen wurde, es nicht Pallas Athenen gleichtat, die in voller Rüstung, mit strahlenden Waffen und gezückter Lanze dem Haupte des Zeus entsprungen, sondern vielmehr eine wesensform ist, die erst in langem und schwerem Entwicklungsprozesse errungen, im hartnäckigen Kampfe mit den äußeren Verhältnissen gewonnen worden ist, lehrt genugsam die Kulturgeschichte. Der unlösbare Zusammenhang der jüdischen Gottesidee mit der sittlichen Unerschöpflichkeit ist auch nicht an eine Ueberfülle von Zeremonialgesetzen gebunden, die im Gegenteile das höchste und heiligste, was es gibt, die gewaltigen und überwältigenden Linheitsideen des Judentums wie mit einem Panzer einschnüren, einengen und geradezu ersticken. Der um den reinen Monotheismus gezogene dichte Zaun, der die Juden gegen alle Einflüsse und Erfordernisse der Zeit hermetisch absperrt, mag am Platze gewesen sein, so lange sie von Heidenmassen förmlich umzingelt und erdrückt waren. Die Isolierung geht ihrer Berechtigung verlustig, wenn ihre Prämissen gefallen sind. Wie der Glaube auf das Leben, so hat das kreisende, eilig und machtvoll flutende Leben auf den Glauben zurückzuwirken und ihn zu modifizieren. Schon der dunkle Philosoph, der alte Heraklit, hat treffend bemerkt, daß alles in stetem Flusse begriffen ist. Was lebensfähig sein soll, muß werden, es unterliegt dem beständigen Wechsel und Wandel. Darum müssen die Zeremonien immer und immer wieder darauf geprüft werden, ob sie dem Zwecke alles Gottesdienstes, der Befestigung in der Sittlichkeit dienen; denn dieser Sinn liegt ihnen zugrunde. Wenn wir Bekenner des Judentums von der Ueberzeugung durchglüht sein werden, daß die Glaubenslehre desselben seine Sittenlehre und seine Sittenlehre seine Glaubenslehre ist, und demgemäß die Religion, die wir von den Vätern ererbt haben, nicht blind und kritiklos hinnehmen, sondern durch ein ernstringendes Leben erwerben, sie in kraftvoller Gedankensammlung, stiller, weihevoller Einkehr und andächtiger Versenkung in die einig einzige Gottheit als den Halt der Welt und den Urborn der Ethik uns aneignen werden, dann wird sie ein lebendiges Innesein des Unendlichen und seiner ewigen Forderungen sein, uns in Fleisch und Blut übergehen, uns durchleuchten und erwärmen, wieder die Religion des Hauses und der Familie werden und von Haus aus sich in die jungen Herzen senken, die leer ausgehen, wenn die Kinder sie in der Schule wie einen Unterrichtsgegenstand neben den anderen Disziplinen lernen und nicht stets ein lebendiges Beispiel dessen, was ihnen gelehrt wird, an der Lebensform und Lebensführung der Eltern vor Augen haben. Es geht uns mit der Kulturreligion, wie mit der Wissenschaft. Beide sind nichts 2lbgeschlossenes, sie bieten niemals etwas Absolutes dar.

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