Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 8 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 180 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126482-3126491--0194-3126963- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
180 Ar. Krrrch. Münz: Dir Notwendigkeit der religiösen Fortentwicklung bedenken geben, daß der wahre Gottesdienst durchaus nicht etwa in äußeren Zeremonien, sondern in der Läuterung des inneren Menschen, in der religiösen Gesinnung und sittlichen Tat besteht, wenn z. B. ein so wunderbarer religiöser Genius wie Iesaias, entflammt von heiligem Feuereifer, an Israel den eindringlichen Appell richtet: „was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der Herr. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von den Gemästeten, und habe keine Lust zum Blute der Farren, der Lämmer und Böcke. . . Bringet nicht mehr Speiseopfer so vergeblich. Das Räucherwerk ist mir ein Greuel. . . Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Festen, sie sind mir zur Bürde, ich kann sie nicht mehr ertragen. Und wenn ihr schon eure Hände ausbreitet, entziehe ich euch 'doch meine Augen; wenn ihr eure Gebete noch so sehr vermehret, so höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blutes, waschet, reiniget euch, tut euer böses Wesen hinweg von meinen Augen, lasset ab von Uebeltat; lernet Gutes Lun, trachtet nach Recht, helfet den Unterdrückten, schaffet dem Waisenkinde Recht und führet der Witwe Sache." Die Tättgkeit der Propheten findet kein Seitenstück in der Geschichte. Sie erhoben sich mitten aus dem Volke, um als Dolmetsche und Organe des lebendigen Gewissens der Gesamtheit die Volkesstimme zur Gottesstimme zu adeln. Sie waren die echten, berufenen Vollstrecker des heiligen Gebotes von der Bekehrung aller Juden zu einem heiligen Volke und einem Priesterreiche. Ohne ein öffentliches Amt zu bekleiden, nur dem Drange ihrer inneren Sttmme gehorchend, waren sie Erzieher, Lehrer und Mahner des Volkes, dessen Heil ihre ganze Seele ausfüllte. Aus dieser ihrer inneren Mission heraus schöpften sie den unvergleichlichen Mut, den Königen und den Priestern, den Hofleuten, den Reichen und den vornehmen, aber auch der großen Masse des Volkes mit unbeugsamer Wahrhafttgkeit und rücksichtsloser Offenheit gegenüberzutreten. Aus des Volkes Bedürfttgkeit in ihrer Zeit stammte ihr wollen und wirken; aber zeitlos war ihr Geist geartet, zeitlos war ihr tiefstes Wesen. Sie leben noch heute fort in den muttgen, unerschrockenen Kämpfern, denen es eine Herzensangelegenheit ist, an die Stelle des Toten neues, frisch pulsierendes Leben zu setzen, das Judentum aus seiner Erstarrung, feiner Lethargie aufzurütteln. Sie weisen dem den wurzeln nachgrabenden „liberalen" Judentum, das nach Gestaltung, nach Herauskrystallisierung des edlen, herrlichen Kerns aus der überwuchernden morschen Schale ringt, die Bahn und die Richtung. Der neue weg, der weg ins Freie, mündet in das Buch der Bücher, das das hehrste und innigste Band zwischen Sittlichkeit und Religion dadurch geknüpft hat, daß es den erhabenen Begriff der Heiligung des göttlichen Namens durch des Menschen Sittlichkeit ausgebildet hat. Man kann es mit Lazarus schlankweg als den kühnsten, beseligendsten und gnadenreichsten Gedanken bezeichnen, daß Gott der Allheilige durch die Menschen geheiligt werden soll. Dieser hohe kategorische Imperativ der jüdischen Moral erheischt es, daß der Mensch nach höchster sittlicher Vollkommenheit strebe, sich immer mehr von den endlichen und materiellen Dingen unabhängig mache, seine Sinnlichkeit beherrsche und sie zu edler Harmonie mit dem Geiste erziehe, mit einem Worte Schillers Ausspruch: „Der Mensch in seinem physischen Zustand erleidet bloß die Macht der Natur; er entledigt sich dieser Macht in dem ästhetischen Zustand und er beherrscht sie in dem moralischen", wahr mache. Die Lehre von dem Kidusch Ha-Schem durch die Heiligkeit des Gemütes, die Vertilgung des profanen im Menschen ist jedoch nicht durch die biblische 'Weltanschauung bedingt, die eine Erlahmung des wissenschaftlichen Eifers und