Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 8 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Kerrch. Münz : Mr NotivrnLigkeit der religiösen Fortentwicklung 179 geläuterten, mit allen Elementen der Kultur und Wissenschaft harmonierenden Religion in begeisterter und begeisternder weise Ausdruck lieh, sagte einmal: „Ueberlieferung ohne Prüfung ist blind und blöde; Neuschöpfung ohne Pietät ist kalt und unfruchtbar. Das Alte muß immer wieder neu geboren, gleichsam neu in der Seele geschaffen werden, das Neue muß aus den Wurzeln des Alten emporwachsen. In das Alte muß man sich vertiefen, zum Neuen muß man sich erheben." Mag dieser Ausspruch auch den Widerspruch der Strenggläubigen erregen, so wird sich ihn doch jeder zu eigen machen, der davon durchdrungen ist, daß der Buchstabe tötet, der Geist belebt, — der sich zu Lazarus' goldenen Worten bekennt: „Ls sei denn, daß man die Religion um ihrer selbst willen sucht, sonst wird man sie nicht finden." Alles, was geschichtlich bedingt ist, ist der Veränderung unterworfen, und „das Glauben vom Denken unbezähmt wird gar oft zum Wahn". ZUatt könnte allerdings mit einem Schein von Berechtigung einwenden, daß die Ausdehnung der Lntwicklungstheorie auf die Religion nicht statthaft ist, weil Religion und Wissenschaft nur scheinbar in einem unauflöslichen Widerspruche stehen können, da sie im Grunde nichts miteinander zu tun haben. Diese sei ein Produkt des Verstandes und jene entstamme dem Gefühle. Dieser Linwand hat aber nur so lange Geltung, als der Glaube im Gemüts bleibt und als religiöse, fromme und ethische Gesinnung sich betätigt; sobald er aus dem Gemüts in das intellektuelle Gebiet heraustritt, sich mit Naturgegenständen und geschichtlichen Personen und Ereignissen in enge Verbindung setzt, zugleich sich in bestimmten Begriffen und Satzungen lehrhaft gestaltet, ist er der wissenschaftlichen Forschung verfallen. Aehnlich wie der Staat sich in den Glauben nicht einzumischen hat, so lange er subjektive Herzenssache und theoretische Ansicht bleibt, wohl aber dann, wenn der Glaube als Religion in einer Gemeinschaft sich eine bestimmte Organisation mit bestimmten Satzungen und einer gesellschaftlichen, einer Autorität unterworfenen Ordnung gibt. Das Judentum wird doch wohl nicht hinter der römischen Kurie zurückstehen wollen, die in den Kirchenglauben Bresche geschossen hat, indem sie sich vor ungefähr achtzig Jahren darein fand, das astronomische Weltsystem des ptolemäus aufzugeben und das Koxernikanische Weltsystem trotz des anfänglichen Abscheus und Ingrimms dagegen, ja trotz der offiziellen Erklärung, daß es, weil der göttlichen Offenbarung gänzlich widersprechend, eine Ketzerei sei, anzunehmen. Alan sagt, was dem wissenschaftlichen Sinne an einer Religion anstößig erscheinen kann, sei nur deren äußere Form, und diese sei im Grunde etwas Gleichgültiges. Dem ist aber nicht so, weil der Sinn der Religion, ihr Göttliches, wie wir schon erwähnten, unter der Form leidet, durch 'sie verschüttet wird und für die Mehrzahl, die nicht gerade aus Gottsuchern besteht, unwiederbringlich verloren geht. 'Es ist daher eine unumgängliche Notwendigkeit, daß die Form der Religion mit der fortschreitenden intellektuellen Entwicklung gleichen Schritt halte, der Geistesrichtung, auf deren Ausbildung alles Leben und Lernen abzielt, Rechnung trage, daß Gedanken, die die Wissenschaft als unmöglich erwiesen hat, nachdrücklichst zu Mythen, Legenden gestempelt werden. Uebrigens haben schon diegottbegnadeten und gottinnigen Propheten der Lntwickelungsfähigkeit der Religion das Wort geredet, indem sie durch Verttefung und Verinnerlichung der mosaischen Lehre sie zur universalen, die ganze Menschheit umfassenden Ethik abklärten. Es klingt fürwahr wie Sphärenharmonie, wenn sie ihrem Volke zu