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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 178

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 178 (sequence 10)
Language
German
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178 Ar. Serrch. Münz: Me Notwendigkeit der religiösen Fortentwicklung Asterdienst Gottes" ist, hat die Bestimmung, sich selbst mit der Zeit entbehrlich zu machen. Zm Einblicke darauf müssen wir die wahren und wirklichen, die inneren Quellen alles dessen, was groß und gut, was tief und beseligend in der Religion ist, erkennen, diese Quellen, die vielfach getrübt, ja verschüttet sind, wieder klären und befreien; sonst wird die Religion ihre die Kerzen ergreifende Gewalt und ihren erhebenden Einfluß im fortschreitenden Geiste der Wissenschaft und der Bildung nicht wiedergewinnen. Sie wird zum Staatskleid des Byzantinismus, hinter dem sich die innere Leerheit, ja Fäulnis nur mit Mühe verbirgt. Die Dogmen dürfen daher nicht mit den Maximen der Sittlichkeit verwechselt werden oder gar an deren Stelle treten. Kommt für den religiös Erzogenen der Augenblick der Erleuchtung durch die Vernunft, dann rächt sich dieser Vorgang bitter. Der Geist nimmt solche Nahrung nicht in sich auf, denn der Geist nährt sich nur vom Geiste; im Gedächtnis allein bleibt liegen, was Herz und Vernunft sich weigern, zu empfangen. So kommt der Augenblick, in dem der ungesättigte Geist wie in Verzweiflung die tote Last aus dem Gedächtnis wirft, mit ihr aber auch alles, was sie angeblich mit einschließen sollte, die Prinzipien der Sittlichkeit. Fortan bleibt für die letzteren ebenso wie für die religiösen Vorschriften nur ein heimlich belachter, konventioneller Gebrauch übrig, beide treten in den Dienst der bloßen Schicklichkeit. Man will vor der Welt, uni nicht Anstoß zu erregen, nicht mit Haß und Spott verfolgt zu werden, nicht irreligiös und unsittlich scheinen und ist doch beides im Herzen. Durch diesen Freiheitsdrang des Geistes fühlt sich die Frivolität sogar gerechtfertigt, denn, ohne einen Unterschied zu machen, wird mit den religiösen . Lehren, die dem zur Selbständigkeit gelangten Geiste nicht mehr standhalten, auch dasjenige über Bord geworfen, was sich an sittlichen Grundsätzen mit ihnen verquickt und an sich einen ewigen Gehalt hat, auf den sich das ganze Menschenleben stützen könnte. Diese eminente Gefahr kann nur dadurch aus der Welt geschafft werden, daß die Religion dem modernen Zdeenkreise entgegenkommt, dem Zeitgeiste ehrlich und austichtig die Hand zum Frieden bietet, sich ihm anpaßt, mit anderen Worten den Anspruch, mehr als etwas rein Menschliches und Geschichtliches zu sein, aufgibt. Damit sind wir bei dem Standpunkte der Vernunftreligion angelangt. Dabei ist freilich nicht an das Schwinden des Gefühls, an die Ersetzung desselben durch Begriffe und Erwägungen des Verstandes zu denken. Das unmittelbare Element, in dem die Religion lebt, ist und bleibt Gefühl und Gefühlsgewißheit. Nur hat sich das religiöse Glauben und Leben durchweg der Kritik des autonomen Denkens, den Entscheidungen der Vernunft, die zur Klärung, Läuterung, Vergeistigung der religiösen Anschauungen sehr viel beiträgt und sie in theoretischer und praktischer Hinsicht der wissenschaftlichen Anschauung näher bringt, zu unterwerfen. Steht irgend ein Glaubensinhalt mit der Kritik der Vernunft in Widerspruch, so muß er auch für das religiöse Gefühl gerichtet sein. Dadurch allein kann die Zerfahrenheit, Zweifelsucht und Lauheit, die gegenwärtig unter unseren Gebildeten in religiösen Dingen herrscht, beseitigt werden, unser geistiges Gesamtleben innerliche Einheit, edle Größe und freudige Sicherheit erhalten. Soll das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet, sollen innere Unwahrhaftigkeit, Verstellung, Heuchelei nicht großgezogen werden, dann muß die Religion die Entwickelungsfähigkeit, die Möglichkeit und die Notwendigkeit des Fortschrittes durch fortgesetzte Arbeit in sich selbst tragen. Der vor einigen Zähren Heimgegangene Philosoph Lazarus, der der Ueberzeugung von einer

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