Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 8 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Fsrnm: Mer ist rin Jude? 177 Mr ist ein Jude? Von Julius £amm-flnfroerpen. er Grundzug der Verfassung der vereinigten Staaten von Nordamerika ist, den einzelnen Staaten das Maximum der Sonderfreiheit zu gewähren und das Minimum der Sonderfreiheit jedem Staate wegzunehmen, gerade soviel als nötig ist, um den Staatenbund als solchen bestehen zu lassen. Jeder Bewohner der Union ist Bürger der vereinigten Staaten, und jeder einzelne Staat hat die nötige Freiheit zu seiner individuellen Entwicklung. In ähnlicher weise sollen wir Juden das Minimum individueller Freiheit abgeben, um den Bestand des Judentums zu sichern und zur Geltung zu bringen; und andererseits soll jedem einzelnen Juden das Recht zugestanden werden, seine moralischen und intellektuellen Kräfte und Neigungen zur vollständigen Entfaltung zu bringen. — Die Frage ist nun: was ist das Minimum, das man von einem Individuum verlangt, damit er als Jude gelte? Dieses wird in erster Linie zu fixieren sein. — Es wird Leute geben, welche neben jüdischer Abstammung und jüdischer Bekenntnistreue die Beschneidung als Kriterion annehmen. Sollen wir aber die Juden zurückweisen, welche durch Abstammung und Bekenntnis uns angehören, aber nicht beschnitten sind? Diese Frage werfe ich auf, will sie aber nicht beantworten. — wenn die Grundfrage: „was ist das Minimum, das man von einem Individuum verlangt, damit er als Jude gelte", von Orthodoxen und Liberalen in einiger weife beantwortet würde, so würde das Urübel des Laders, die bsauptursache des Unterganges des jüdischen und mancher anderer Staaten und menschlicher Zusammengehörigkeiten, beseitigt oder wenigstens abgeschwächt. In erster Linie würden nicht so viele Elemente, sei es durch Aerger, sei es durch Gleichgiltigkeit, dem Judentum verloren gehen; in Eintracht würde jeder begreifen lernen, daß jeder andere Kopf anders denken muß, und jeder einzelne Jude mit seiner eigentümlichen Entwicklung wird ein Aktivum und ein Kapital für das Gesamtjudentum bedeuten; und wenn wir kein staatliches Ganze bilden, so werden wir eine geistige Einheit, einen moralischen Staat bilden, wie unsere Ahnen die Ersten waren, aus dem Wust und den Verzerrungen der Vielgötterei den Monotheismus zu schaffen, so würde ein solcher moralischer Menschenbund die allgemeine Verbrüderung der zivilisierten Menschen anregen und befördern. — Die Notwendigkeit der religiösen Fortentwicklung. Von Dr. Bernhard Hlünz-Wien. ■yVTan kann die Religion füglich das Herz im Organismus des individuellen und des Volksgeistes nennen. Das Herz ist ein ganz besonderer Muskel; verschieden von den meisten anderen Organen unseres Leibes, die in Tätigkeit und Ruhe abwechseln, muß es immer tätig sein. Von der ersten Sekunde des Lebens bis zur letzten muß es schlagen; hört es auf zu schlagen, so ist auch das Leben geschieden. Freilich darf die Religion, wenn sie die Funktionen des Herzens erfüllen soll, kein starr dogmatisches Gepräge an sich tragen. Ihr letztes und höchstes Ziel muß es sein, sich immer neu zu beleben, oder, um mit Kant zu sprechen, jeder Kirchenglaube, der als solcher „bloßer Religionswahn und