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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 176

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 176 (sequence 8)
Language
German
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176 Ar. rnrd. Walther Faqueur: Mas bedeutet das „Liberale Judentum^ die innere Hohlheit und Armseligkeit ihres Lebens hinweg getäuscht werden, auf die Dauer erträgt sie sie nicht. Sie erwacht aus dem Taumel, besinnt sich auf sich selbst und fragt: was ist der Sinn dieses Lebens, seiner Mühe und Arbeit? Was der Zweck dieses Vastens und Jagens? wo ist „der ruhende j)ol in der Erscheinungen Flucht?" Diese Frage ist der Anfang vom Ende des Materialismus. wer aber gibt Antwort auf diese Frage? wer reicht der Menschheitsseele, die aus dem nebelhaften Dämmerzustand des Sichfelbstvergessens aufgescheucht, ihrer tief innersten Lebensbedürfnisse gewahr wird, wer reicht ihr labende Speise und erquickenden Trank? von der Wissenschaft ist hier nicht das Mindeste zu erwarten, sie versagt völlig, weil sie ihrem eigensten Wesen nach zu dieser Aufgabe untauglich ist. Die Wissenschaft kennt nur ein Ziel: Erkenntnis der Wahrheit, das heißt nicht Auffindung einer verborgenen objektiven Wahrheit, diese ist dem Menschen, wenn überhaupt die Frage nach ihr einen Sinn hat, ein für allemal verschlossen, da er den subjektiven Bedingungen des Srkennens niemals entrinnen kann, sondern es bedeutet: ein Verstandes- und vernunftgemäßes Begreifen der Wirklichkeit. Die Kategorie des wertes ist der Wissenschaft fremd und keinesfalls darf sie, ohne ihre Zuständigkeit zu überschreiten, das Gebiet der der Erfahrung zugänglichen Erscheinungswelt verlassen. Innerhalb dieser Grenzen aber ist die Antwort auf die lebensbegründende Frage nach dem Sinn der Welt nicht zu finden. Auch die Kunst, wiewohl ihrem Wesen nach zu diesem Behuf viel geeigneter als die Wissenschaft, vermag allein nicht das Dasein innerlich zu begründen, ihm Zweck und Ziel zu weisen. Sie ist, wenn auch ihrem Inhalt nach frei, doch in ihren Ausdrucksformen zu sehr andie sinnlichen Bedingungen unserer Anschauung gebunden und selbst abhängig von der Grundrichtung des seelischen Lebens ihrer Zeit. Eine Zeit, in der der Pessimismus herrscht, wird gar keine Kunst, eine materialistische Zeit nur kalte, seelenlose, höchstens nach seiten der Kunstfertigkeit bedeutende Kunstschöpfungen Hervorbringen. Die wahre innerliche, das Leben erhellende und erwärmende Kunst reift nur an der Sonne des Idealismus! von wo also kann einer Zeit, die wie die unsere Befreiung aus der dumpfen Enge des Materialismus sucht, Lsilfe und Rettung kommen? von keiner anderen Seite als von der Religion! Allein die Religion, die, durch keinerlei Verknüpfung mit sinnlich bedingter Anschauung getrübt und gehemmt, sich unmittelbar an das Innerste der Menschenseele wendet, an die psychische Zentralgewalt: das Gemüt und den willen, sie ganz allein kann das verlangen nach innerlicher Befestigung und Erhöhung des Lebens befriedigen, nur sie kann dem Leben wert und Inhalt geben, Ziel und Richtung weisen. Selten war eine Zeit der Entfaltung religiöser Bestrebungen so günstig, wie die heutige. Die vom Materialismus Lotgesagte Religion, sie könnte heute wahre Triumphe feiern. Nach langer Trockenheit und Dürre harrt die Ackerkrume empfangsbereit des befruchtenden Samens. Möge sich der rechte Sämann finden, der zu rechter Zeit die rechte Saat ausstreut, daß sie herrlich aüfgehe und reife! Zur Rolle dieses Sämanns ist aber grade das Judentum wie nichts anderes berufen, das Judentum mit seiner uralten Mission, aber in neuem Gewände, das liberale Judentum!

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