Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 175

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 175 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3126481-3126482-3126491--0189-3126958
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Pr. rned. Walther Faqueur: Mas bedeutet Las „Liberale Judentum' 175 unter allen Umständen gewahrt bleibe, dafür Hai die Natur wohlweislich gesorgt, da sie dem Menschen als stärkste und unmittelbarste Triebfeder seines Handelns den „Egoismus" oder besser „Wille zum Leben" genannt, einpflanzte. Es ist durchaus natürlich und verständlich, daß an Stelle der solchermaßen in Mißkredit geratenen inneren Wertungen, äußere treten. Nur das unmittelbar praktische und vorteilhafte dient als Maßstab und Richtschnur. Alle entfernteren Beziehungen zu Familie, Stamm, Gesellschaft, verlieren jede Bedeutung und jeglichen Einfluß auf das handeln, das überhaupt jeder Beaufsichtigung und richtenden Kritik durch irgend welche allgemeine Ideale entzogen ist. Alle diese theoretischen Schlußfolgerungen finden wir leider durch die Erfahrung vollauf bestätigt. Das Ende des vorigen Jahrhunderts sah eine Generation heranwachsen, an der schlimme Zeichen eines moralischen Niederganges deutlich wahrnehmbar sind. Auf allen Gebieten wird das Ueberhandnehmen eines öden Strebertums, die immer wachsende Macht und Herrschaft hohler Phrase und trivialer Nichtigkeit schwer empfunden und Lief beklagt. Allüberall, im täglichen Handel und Wandel, in Diplomatie und Politik, in Wissenschaft und Kunst, ertönt der Ruf nach Männern, nach Tharakteren, die dem bei aller äußeren Dehnung, Weitung und Bereicherung innerlich engen, schalen und armen Leben der Gegenwart einen Kern und Inhalt geben möchten. Ja, wo sollen denn die Männer Herkommen, die das Lebensschiff ihrer Zeit mit klarem Auge und sicherer Hand einem fernen Ziele entgegensteuern, wenn den Knaben und Jünglingen gelehrt wird, daß es solch ein Ziel überhaupt nicht gibt, daß das Suchen nach ihm, der Glaube an irgend welches Ideal nichtig und gegenstandslos ist? Line Weltanschauung, die den Begriff des „wertes" nicht kennt, oder ihn höchstens als ein ganz zufälliges, vereinzeltes, untergeordnetes Attribut einer kleinen Klasse lebender Wesen, der Spezies „homo sapiens" betrachtet, wie kann sie Menschen zeitigen, die werte zum Mittelpunkte ihres eignen Daseins und des Lebens ihrer Zeit machen, oder gar ihr neue werte schaffen? Unter der Herrschaft dieser materialistischen Weltanschauung sind auch die Männer groß geworden, die heute so zahlreich sich vom Judentums lossagen, wenn sie dadurch den geringsten äußern Vorteil zu erlangen wähnen. Sie kennen innere werte nicht, oder anerkennen sie wenigstens nicht; und wenn zur Erlangung eines Amtes oder einer Stellung, die Forderung an sie herantritt, zuvor ihren Glauben zu wechseln, so macht ihnen dies nicht die geringsten inneren Beschwerden; sie unterziehen sich der Erfüllung dieser Bedingung, als einer eben unerläßlichen, mit derselben Unbedenklichkeit wie etwa der Förmlichkeit einer Staatsvisite bei einem Examinator am Tage vor der Prüfung! wie also kann man dieser Art des Abfalls vom Judentum wirksam und erfolgreich begegnen? vor allem durch Bekämpfung der Grundursache, durch Ausrottung der Wurzel des Uebels, durch gründliche und endgiltige Widerlegung der materialistischen Weltauffassung und der aus dieser fließenden Konsequenzen. hierfür ist aber grade jetzt der rechte Augenblick gekommen, wir befinden uns wieder einmal wie schon öfter im Laufe der Weltgeschichte an einer Wende der Zeiten. Mit der unter der Herrschaft des Materialismus naturgemäß immer zunehmenden inneren Verödung und Verflachung des Lebens begann zugleich auch der Widerspruch und widerstand gegen diese Weltanschauung. Die Menschheit, berauscht und geblendet durch ihre äußeren Erfolge, durch die nie geahnte Vervollkommnung ihrer Mittel zur Beherrschung und Dienstbarmachung der natürlichen Kräfte, sie kann wohl eine Zeitlang über

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.