Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 8 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Ar. rned. Malther Farsseur: Mas bedeutet das „Liberale Judentum' liches 'Ignorieren der im Bewußtsein eines jeden Menschen sich unmittelbar offenbarenden idealen Welt des Schonen und Guten. Die Phänomene des psychischen Lebens, das vorstellen, Empfinden, Wollen als identisch mit physischen Vorgängen zu betrachten, das mußte auch der Materialismus sehr bald als mit seinen eigenen Gesetzen von der Erhaltung der Kraft im Widerspruch aufgeben. So sah er sie denn als zufällige, unwesentliche Begleiterscheinungen der allein wahren, ewigen und gültigen Atom- und Molekular- Bewegungen an. Solcher Art gelingt es dem Materialismus freilich, die gesamte Wirklichkeit auf eine Formel zu bringen. Aber was ist es auch für ein trauriges Weltbild, das uns aus dem starren Rahmen dieser Formel anblickt! Ausgelöscht in ihm ist alles Helle Licht und bunte Spiel der Farben, das unser Auge mit jedem neuen Morgen aufs neue dankbar grüßt, verschwunden jeder Duft und Schimmer, der unsre schönheitsdurstige Seele entzückt; gestrichen alles Freuen und Trauern, alles Sehnen und hoffen, alles Ringen und Streben, das unser Herz erfüllt, bedrückt und erhebt! Schwer und gleichförmig rollen die Weltkörper durch die Unendlichkeit von Jahrtausend zu Jahrtausend. Aus glühendem Urnebel sich bildend, zur Kugelgestalt zusammengeballt und erkaltend, erzeugen sie für eine kurze Spanne Zeit das, was wir Leben und Bewußtsein nennen; dann, wenn alles Leben in eisiger Erstarrung längst wieder ausgetilgt, stürzen sie zurück in den feurigen Schoß, der sie geboren; und nach Aeonen beginnt das Spiel aufs neue! Kein Sinn und Ziel in alle dem, ewig waltet allein das eherne Kausalgesetz! Eine wissenschaftliche Theorie soll man gewiß nicht nach den Folgen werten, die sich aus ihr auf nicht wissenschaftlichen Gebieten des praktischen Lebens, etwa auf denen des Rechts oder der Sitte ergeben könnten. Der moderne Materialismus tritt aber nicht als wissenschaftliche Theorie auf, — als solche, als „Atomismus" wäre er, wenn auch immer noch mit zahlreichen Unklarheiten und schwerwiegenden Widersprüchen behaftet, durchaus zulässig und berechtigt, ja sogar sicherlich die zur Zeit beste und fruchtbarste naturwissenschaftliche Hypothese — sondern er überschreitet die der wissenschaftlichen Forschung gesteckten Grenzen und gibt sich als allgemeineweltanschauung; und als solche als „Monismus" ist er auch verantwortlich für alle Konsequenzen, die auf irgend einem Gebiete der Wirklichkeit aus ihm fließen. Als Weltanschauung aber muß der theoretische Materialismus unbedingt zum ethischen Materialismus führen. Daß einzelne Vertreter des erfteren höchst idealgesinnte, sittlich hochstehende Männer sind, beweist gar nichts gegen obige Behauptung. Solche wandelnde Widersprüche gegen ihre eigne Theorie zeigen nur, eine wie gewaltige Macht die den Menschen innewohnende sittliche Kraft ist, daß sie sich oft auch unter den widrigsten Umständen behauptet und durchsetzt. Auf die große Zahl der sittlich nicht so gefestigten Lharaktere, auf die Masse der halbgebildeten besonders, mußte die monistische Weltanschauung in hohem Maße verderblich wirken. Zn einer Welt, deren Wesen in ausgedehnten und undurchdringlichen SLoffteilchen oder ausdehnungslosen Kraftpunkten gesucht wird, in der psychisches Leben als eine vorübergehende, zufällige, bedeutungslose Nebenerscheinung gilt, muß ein bewußtes Innenleben, ein Sichinsichselbstversenken, ein Nachspüren der Regungen und Strebungen der eigenen Seele als ein höchst überflüssiges und törichtes Beginnen erscheinen, hat das ganze große den Sinnen zugängliche Weltall keinen Sinn und Zweck, so hat das kleine engbegrenzte menschliche Dasein doch ganz gewißlich keinen, oder wenigstens keinen, der über die Erhaltung des eignen Lebens in IndividuumMd Art hinausginge. Daß das Interesse hierfür-