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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 173

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 173 (sequence 5)
Language
German
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Ar. mrd. Walther Faqneur: Was bedeutet das „Fiberale Judentum^ 173 wendig entstehen müssen, Hier ist der Punkt, wo das liberale Judentum mit seiner Tätigkeit einsetzen muß; hier das Feld, wo es vielleicht barte und schwere, aber auch unendlich lohnende und segensreiche Arbeit zu leisten gibt, hier das Objekt, an dem es seine Daseinsberechtigung und Lebensfähigkeit zu erweisen hat. Nicht im bloßen Negieren, in der Aufhebung einiger veralteter Gesetzesvorschriften, in der Aenderung gewisser gottesdienstlicher Gebräuche darf sich das wirken liberalen Judentums erschöpfen, sollen anders seine Feinde mit ihren Kassandrarufen nicht Recht behalten. Nein, Positives und Ganzes gilt es zu schaffen, uralte Formen mit neuem Geist zu erfüllen, uralte Wahrheit in neue Formen zu gießen. Denen, die in der heutigen allüberall vom „Acußerlichen" beherrschten Zeit, den letzten und höchsten Fragen des Menschenlebens gleichgiltig oder gar verächtlich gegenüberstehen, diesen ihren Gott, ihr Lebensideal wiederzugeben und zwar wiederzugeben in einer Form, die jeder wissenschaftlichen Kritik standhält, die sich mit jeder vom modernen Denken geforderten Weltansicht, sie ergänzend und erhöhend, freundlich verträgt, das ist die Aufgabe des liberalen Judentums! wenn die liberale Bewegung ihre Aufgabe in diesem Sinne scharf und bestimmt erfaßt, so fügt sie sich damit nur dem Rahmen einer allgemeineren an Ausdehnung und Stärke zusehends gewinnenden Zeitströmung ein. Allerorten, auf zahlreichen Gebieten menschlichen Schaffens, an den verschiedensten Punkten des kulturellen Lebens macht sich seit einigen fahren ein Streben nach Verinnerlichung und Beseelung des Daseins deutlich bemerkbar, ein Sehnen nach Befreiung von den drückenden Fesseln, in die ein öder, dürrer, starrer Materialismus das gesamte Geistesleben eine lange Zeit hindurch geschlagen hatte. Die Welt: eine Anhäufung ungezählter Milliarden kleinster, nicht weiter zerlegbarer Teile, sogenannter „Atome"; die das All erfüllenden Formen und Gestalten vom kleinsten Stäubchen im Mikroskop bis zum größten Nebelfleck im unendlichen Himmelsraume: das Produkt der in sinn- und zwecklosem Spiele kreisenden Atome, die nach festen Regeln des Geschehens unter dem obersten Weltgesetz „von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft" in ewigem Wechsel sich suchen und fliehen. Der Mensch: ein winziges Glied in dieser riesigen Maschine; sein geistiges Sein und Leben, sein Fühlen, Denken und wollen: eine besondere Form materieller, molekularer Bewegung! Dies in seinen Hauptsätzen die Weltanschauung des „Monismus", der die Welt befreien sollte von der Tyrannei religiöser Dogmen, der die Menschheit endlich erlösen sollte aus der geistigen Umnachtung, in der Pfaffen- und Priestertücke sie künstlich Jahrtausende hindurch gefangen gehalten hat. Daß eine solche Auffassung der Wirklichkeit einen unheilvollen Einfluß auf die Menschheit und vor allem auf die Heranwachsende Jugend ausüben muß, liegt klar am Tage. Durch die Einfachheit und Einheitlichkeit seiner Lehre, die das Bedürfnis des menschlichen Verstandes scheinbar völlig befriedigt, mußte der Monismus, zumal er mit einer absolute Unfehlbarkeit heischenden Sicherheit und Bestimmtheit in Wort und Schrift gepredigt wurde, eine mächtige Anziehungskraft entfalten und zahlreiche wissenshungrige, die in den religiösen Lehren unerträgliche und unauflösbare Widersprüche fanden, in seinen Bann ziehen. Aber die Bereicherung des Verstandes geschieht auf Kosten einer Verarmung des Gemütes. Denn die Einheitlichkeit und widerfpruchslosigkeit, die den Lehren des wissenschaftlichen Materialismus oder „Monismus" eigen ist, sie ist ja nur gewonnen durch einfache Ausschaltung eines und zwar des wesentlichsten Bestandteiles der Wirklichkeit, durch verächt-

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