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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 172

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 Ar. rrred. Malthrr Laqueur: Mas bedeutet das „Liberale Judentum" Unter den Juden, die ihrem väterlichen Glauben untreu werden, sind viererlei Arten wohl zu unterscheiden. Zu der ersten gehört die an Zahl verschwindend kleine Gruxxe derer, die von der Ueberzeugung wirklich durchdrungen sind, daß die Lehren einer andern Religion besser oder höherstehend sind, den Verstand oder das Gemüt mehr befriedigen, als die des Judentums. Zur zweiten Kategorie rechne ich die, welche im vollen Bewußtsein der unvergleichlichen Erhabenheit der jüdischen Glaubenslehre dennoch abtrünnig werde?! und in ein andres Lager übergehen, weil ihnen dort äußere Vorteile lockend winken. Die dritte Klasse bildet die große Schar derer, die jedes Interesse an religiösen Fragen und religiösem Leben völlig verloren haben, die den Lehren der verschiedenen Religionen gänzlich gleichgültig und teilnahmslos gegenüberstehen und sich deshalb derjenigen zuwenden, mit deren Bekenntnis die größten äußeren Annehmlichkeiten verbunden sind. Die vierte Art endlich umfaßt alle die, welche in der irrigen Meinung befangen, ihre wissenschaftlichen und allgemeinen Anschauungen seien mit keinerlei religiösen Lehren vereinbar, aus der angestammten Glaubensgenreinschaft ausscheiden, ohne in eine andre einzutreten. Sittlich verwerflich handeln nur die der zweiten und dritten Gruppe Airgehörigen, die wider besseres wissen oder aus Gleichgültigkeit die heiligsten idealen Güter, Wahrhaftigkeit, Rechtlichkeit und Treue opfern, die innern wert und innere Ehre preisgeben um eitlen materiellen Gewinn, für äußere Wertung und Ehrung. wer dagegen aus voller innerer Ueberzeugung Dissident wird oder sich zu einein anderen Glauben bekennt, dessen Verlust für die Sache des Judentums können wir wohl schmerzlich empfinden und tief beklagen, moralisch verurteilen aber dürfen wir einen solchen Menschen nun und nimmer. Die obige Einteilung derer, die unsere Reihen verlassen, je nach der Verschiedenheit der treibenden Beweggründe, gewährt aber nicht nur einen Anhalt zu ihrer richtigen ethischen Bewertung, sondern gibt auch deutliche Fingerzeige für unser praktisches Verhalten, sie lehrt, wie wir dem unheilvollen Umsichgreifen der schließlich zum Abfall führenden Gesinnung wohl wehren und Vorbeugen könnten. Der ersten Gruppe gegenüber müssen auch wir, die Vertreter des liberalen Judentums die Waffen streckeir. wem die gewaltige Erhabenheit und Hoheit des jüdischen Bekenntnisses, seine hehre, im innern Wesen allen Wunderglaubens bare Reinheit nicht auch aus dichter Hülle sieghaft entgegenleuchtet, wer ihr andre Lehren der Göttlichkeit klaren Verstandes und aufrichtigen Sinnes vorzieht, dessen Urteil und Denkungsart wird auch durch die Veränderungen, die wir ja irur air der Schale, nicht am Kern der jüdischen Lehre herbeiführen wollen, wohl kaum zu beeinflussen sein. Auch gegenüber deir Renegaten der zweiten Art, die ihren Glauben preisgeben, obwohl sie von seiner Heiligkeit und Ueberlegenheit durchdrungen sind, auch ihnen gegenüber müssen wir unsere Ohnmacht eingestehen und köirnen uns nur damit trösten, daß es solcher sittlich minderwertiger Charaktere doch nur recht wenige gibt. Ihre Zahl verschwindet im vergleich zu der großen, weit verbreiteten, immer wachsenden Schar der Abtrünnigen unserer beiden letzten Klassen, die sehr wohl beeinflußbar erscheinen, sowohl die „Indifferenten", denen „Gott", „Glaube", „Religion" zu leeren Worten ohne Sinn und Inhalt geworden, wie auch die „Dissidenten", die mit religiösem Wesen derartig falsche Begriffe verbinden, daß unüberbrückbare Gegensätze, unausgleichbare Widersprüche mit andern geistigen Wirklichkeiten des Lebens, mit wissenschaftlicher, künstlerischer, philosophischer Weltanschauung not-

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