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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 8 (1909) · p. Seite 171

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
8 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 171 (sequence 3)
Language
German
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Dr. rnrd. Walther Lsqurur: Was bedeutet das „Liberale Judentum" 171 Und wenn Rtenschenweh wie ein Angstruf in das Freudenfest des Lebens gellt, und wenn uns rings umfängt ein dichter Wald von Unbegreiflichkeiten, Dann beug ich in Demut mein Haupt vor dem Gotte meiner Väter und werfe mich nicht auf zu seinem Richter, Und ich ringe mit meinem ungestümen Kerzen, bis mein Wille sich still beugt vor seinem Willen. Dann schaut die Welt mit frohem Antlitz wieder mir entgegen, dann singet mir ein Lied aus allen Dingen, Dann rauscht aus Nacht und Schmerz die vaterliebe Gottes mir entgegen, und weiter wandere ich mit dem Gotte meiner Väter, wie ich gewandert mit ihm tausend und abertausend Jahre. Was beäeutet äas „Liberale Judentum" für untere Zeit? Von Dr. med. Walther Caqueur-Bad €ms. u den betrübendsten Erscheinungen unseres modernen Lebens, betrübend nicht allein vom speziell Jüdischen, sondern ebenso vom allgemein menschlichen Standpunkt aus, gehört unzweifelhaft der um sich greifende Abfall vom angestammten väterlichen Glauben. Diesem schweren sittlichen Uebel nach Kräften zu steuern, ist heilige Pflicht des einzelnen Juden wie ihrer Gesamtheit. Für jede religiöse, politische oder soziale Bewegung innerhalb des Judentums kann und muß daher als Prüfstein ihrer Daseinsberechtigung, ihres innern wertes die Frage gelten, ob und wie weit sie geeignet erscheint, dem Abfall vom Judentum einen wirksamen Damm entgegenzusetzen. Line Bewegung, die das nicht leistet, von deren Wirkungen womöglich das Gegenteil zu befürchten wäre, ist von Grund aus verfehlt und von jedem Juden aufs schärfste zu verdammen und zu bekämpfen. Nun sind wider die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" verschiedentlich die schwersten Anklagen erhoben worden: Sie wirke spaltend und zersetzend durch Verschärfung der Gegensätze innerhalb der Gemeinden; durch Aufhebung oder geringere Wertung gewisser ritueller Vorschriften, durch Leugnung der unbedingt verpflichtenden göttlichen Autorität der Bibel in jedem einzelnen Wort und Satz untergrabe sie die Grundlagen der jüdischen Religion, entkleide sie ihrer besonderen Ligenart und — diesen schier unglaublichen Vorwurf hatte ich persönlich mehrfach Gelegenheit zu hören — führe dadurch allmählich die Aufgeklärten und Gebildeten unter den Juden dem Thristentume in die Arme! wäre dem in der Tat so, dann wäre dem liberalen Judentum, so berechtigt und wertvoll es an sich sein möge, das Todesurteil unwiderruflich gesprochen. Doch nur einseitigste Voreingenommenheit und Verblendung, völlige Verkennung des eigentlichen Wesens des liberalen Judentums, seiner Zwecke und Ziele können solch absurde, durch nichts zu begründende Anschuldigungen erheben. Rlich dünkt grade im Gegenteil das liberale Judentum hervorragend befähigt, ja gradezu berufen, dem traurigen Kapitel der häufigen Taufen wesentlichen Abbruch zu tun und zwar dadurch, daß auf seinem Boden, und nur auf seinem Boden eine Versöhnung zwischen Judentum und moderner Weltanschauung möglich ist.

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