Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 7 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Küchevschair 163 fasser (5. U2) über den positiven sittlichen, auf ihren religiösen Grundanschauungen beruhenden Universalismus der jüdischen Propheten gegenüber dem engen Nationalismus der heidnischen Völker, ja selbst gegenüber dem nur negativ begründeten Universalismus der Stoa ausführt. Sehr gut ist auch der Nachweis, wie Jäckel mit Unrecht die biblische Darstellung des Kapitels der Genesis bekämpft. „Das kosmogonische Problem der Wissenschaft ist rein theoretischer, kausaler Natur. Sie sucht nach den letzten, mechanischen Kräften, durch deren gesetzmäßiges Wirken die Gesamtheit der Erscheinungen des Universums erklärt werden kann, ohne ihre Beziehung zum Schönen und Sittlichen ins Auge zu fassen. Die religiöse Schöpfungslehre dagegen achtet grade auf die von der Wissenschaft ignorierte ästhetische und moralische Qualität der Welt. Ihr Problem ist ein Wertproblem. Die Behauptung, daß die Welt das Werk eines heiligen Gottes ist, bedeutet, begrifflich formuliert, nichts anderes, als daß das Sittliche Wesen und Wert aller Wirklichkeit bildet, daß zwischen den Kräften, die im Weltall wirken, und dem Schönen und Sittlichen eine innere und notwendige Beziehung besteht. Diese Verschiedenheit der Fragestellung übersieht Häckel, daher sind auch seine Einwände gegen die biblische Schöpfungslehre hinfällig/' (S. *39.) Das ist überhaupt der Grundgedanke des Buches, der überall für die Stellung des Judentums zur modernen Weltanschauung als vornehmlich orientierend hervorgehoben wird, daß es sich bei dieser nur um die nüchterne Feststellung rein objektiver Tatbestände handelt, wobei von den postulaten des Gemütes, also von den Werten, wie sie im Schönen und Guten sich darbieten, ganz abgesehen wird, während im Judentum grade diese inneren Momente, durch welche dem Menschen erst Sinn und Wesen dieser äußeren Welt erschlossen werden, im alles beherrschenden Mittelpunkte stehen. Man wird anerkennen müssen, daß es dem Verfasser gelungen ist, diesen Grundgedanken nach den verschiedensten Richtungen, ich meine im Einblick auf die mannigfachen Hauptprobleme der modernen Weltanschauung kräftig und überzeugend zur Geltung zu bringen. Wenn man etwa zur Entkräftung des Satzes (S. 5): „Der zentrale Begriff der Wissenschaft ist demnach der der Wirklichkeit ohne Rücksicht auf ihren Wert" auf die Tatsache würde Hinweisen wollen, daß es doch auch eine Ethik als Wissenschaft gibt, und die Ethik sich doch auf Werte par excellenee beziehe, so ist der Nachweis leicht, daß die wahre Ethik, d. h. diejenige, die sich nicht lediglich beschreibend verhält, des Goltesgedankens als ihres Fundamentes nicht entraten kann, womit aber der Wertbegriff erst seine Berechtigung erhält. (Vgl. mein Prinzip der Ethik, 5. ^52.)*) — Freilich wird sich gegen manche Ansichten des Verfassers auch manches Vorbringen lassen. Man wird bezweifeln dürfen, ob der griechische Theismus aus einer Hvpostasierung des Schönen hervorgegangen sei, wie der Verfasser mehrfach behauptet, oder nicht vielmehr aus der pessimistischen Betrachtung des Menschenelends, namentlich des Todes, die das Bedürfnis erregte, der Welt der „jammervollen Sterblichen" eine Welt der ewig seligen Götter gegenüber zu denken, wie ich das in meiner „Gottesidee der Offenbarung rc." S. 26 ff. 38 ff. an der Hand der griechischen Klassiker, namentlich Homers, der Bibel der Griechen, darzutun gesucht habe.**) viel ungezwungener, als es durch den Verfasser S. 35 geschieht, lassen sich von hier aus die Vorstellungen von der Körperlichkeit und auch der Vielheit der Götter bei den Griechen erklären. Man konnte sich ein Genießen (Seligkeit) ohne Körper und auch ohne Geselligkeit nicht recht denken, SeligkeÄ aber war sogar noch bei den Stoikern ein *) Ich habe zu meiner Freude als eine Bestätigung meiner Gedanken in der zitierten Schrift mehrfach Anklänge an sie in dem vorliegenden Buche gefunden, so S. (0? u. sOH, wo das moralische Empfinden als ein derLrhaltung und Höherentwicklung des Menschen dienendes Organ bezeichnet wird, ferner S. wo das „Du sollst", gleichviel in welcher Einsicht es gebraucht wird, entweder im ethischen Sinn aufgefaßt, oder als eine Entlehnung aus dem ethischen Gebiet angesehen werden müsie. Vgl. mein Prinzip d. Ethik. S. 82 ff. **) Ls möchte sich hieraus zugleich die Unrichtigkeit der Behauptung des Verfaffers ergeben, daß eine pessimistische Religion „dementsprechend" auch atheistisch sei. (S. 6).