Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 7 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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160 Rabbiner Ar. Milde: In der Welt der Wunder O 6 O O der Sohn des Südens, vom heimatlichen Winter hatte der Nordländer oft dem Sohn des Südens erzählt. Doch dieser schüttelte nur den Ropf, konnte sich nichts denken unter Schnee und Eis, das er nie gesehen. Jetzt sah er es! Lin weißes, unendliches Tuch hatte sich ausgebreitet über die Lrde, über Baum und Strauch. Reine bunte Farbe, kein Heller Ton, majestätisches Schweigen ringsum. So weit, so rein, so erhaben die Welt! Stumm staunend sah der Südländer diese seltsame Welt und ihm schient, als wäre er in einer Traumwelt, in einer Wunderwelt; wunderbarer war's ihm, als einst den Juden im Lgypterland. Doch in eigene Bangigkeit wandelt sich allmählich sein Empfinden. Fast zitternd ertönte seine Stimme, als er den Freund voll hastiger Ergriffenheit fragte: „wo ist bei Luch das Leben? wo bleiben die Blumen, die Rräuter, die mit ihrem Duft und ihrer Farbe bei uns die Lrde füllen und färben, wo bleiben die Schmetterlinge, die sich bei uns mit funkelnden Flügeln im warmen Sonnenstrahl wiegen? wo sind die Vögel-die bei uns mit ihrem Sang die Luft durchtönen?" Da sprach der Andere: „Tief unten unter dem Wundertuch des Schnees, tief in der hartgefrorenen Erde ist eine zweite Wunderwelt. Da unten schläft der kommende Frühling. Im Samenmantel verschlossen, träumen dort Millionen von Blumen und Rräutern. In häßliche Gestalt vermummt, warten Millionen von Schmetterlingen und bunten Sommerwesen. wie im Märchen die Zwerge in tiefem Bergesschacht leben sie dort unten in dunklem Reich. Sie flüstern einander zu: „noch müssen wir träumen und warten im unterirdischen Reiche der Nacht." Schlaftrunken horchen sie hinaus, aber still ist's unter der hartgefrorenen Lrde. Bis die Sonne immer höher steigt, bis der Winter immer mehr weicht, bis eines Tages der erste Sonnenstrahl durch die harte Erde dringt. Da dringt er hinein in die unterirdische Welt; zum Hellen Heroldsruf wird der Sonnenstrahl, alle Träumer erweckend, vom Schlafe erwacht strecken sich alle Blumen und Rräuter, durchbrechen die Hülle, in der sie verborgen, stecken den Ropf durch die Lrde, die die Sonne gelockert; und plötzlich ist auch bei uns die ganze Lrde wieder bedeckt mit bunter Fracht und wiegen sich auch bei uns bunte Schmetterlinge im wärmenden Sonnenstrahl. Die Vögel aber sind, ehe der Winter kam, zu Luch hinabgezogen in den warmen Süden, heimwärts kehren sie jetzt. Fliegen über Berg und Meer und finden ein jeder wieder den Baum, das Nest, das sie im Herbst verlassen." Staunend hörte es der Fremde, wie ein Märchen klang es ihm, der Nordländer aber wunderte sich, daß es ihm selbst bis heut nie als ein Wunder erschienen. Still schritten sie weiter durch die sternenhelle Winternacht, und ihnen schien es, als könnten sie hineinsehen in die Wunderwelt unter ihren Füßen. plötzlich schlossert sie die Augen fast geblendet. Mit flammendem Schein war oben am Himmel ein Romet seine Feuerbahn gezogen, über den Himmel hinwegleuchtend, um dann im Weltall zu verschwinden. Sinnend schauten beide nach oben. Dann sprach der Line: „wunderbarer noch als die Welt unter unseren Füßen ist die Welt über unserm Haupt. Lin kleiner Stern nur ist unsere Erde, so sagen die Gelehrten. Bewegt sich im Weltall um die Sonne kreisend. wie er bewegen sich zahllose Sterne im unendlichen Raum. Feurige Welten durchfliegen das All, Jahrhunderte lang ist ihre Bahn; zu Atomen würden sie die Lrde zerschmelzen, kämen sie je mit ihrem feurigen Atem uns zu nahe. Line Wunderwelt sieht das Rind mit leuchtenden Augen im Feuerwerk, das Menschenkunst schafft. Doch was