Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 7 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Rabbiner Ar. Wilde: In der Welt der Wunder 159 werden können, so müssen wir doch unseren Rabbinern, die ganz speziell die Sache in die Hand genommen haben, von ganzem Kerzen Dank wissen, daß sie endlich den Bann gebrochen haben und auch für die liberale Fraktion des Judentums einen gleichen j)latz beanspruchen, wie ihn die Orthodoxie bis fetzt nur für sich allein verlangte. Daher sollen wir uns um diese unsere Führer scharen nicht zum Trotz gegen die Orthodoxen, sondern weil wir unser Judentum, das ja schon so viele Wandlungen im Lause der Jahrhunderte durchzumachen hatte, und das jetzt infolge der Zeitverhältnisse in eine neue j)hase getreten ist, weil wir es lieben und mit Stolz bekennen. In der Welf der Wunder. Von Rabbiner Dr. Wilde-)Tlagdeburg. n einer Welt von wundern lebten einst unsere Väter. Engel besuchten die Menschen, faßten sie an der Hand, um sie helfend zu geleiten. Aus dem brennenden Dornenbufch erklang die Stimme Gottes, die Mose hörte; und dennoch konnte er niemand sehen. Der Stab in seiner Hand wandelte sich zur Schlange, um wieder zum Stab zu werden. Zum Wunderland wurde Egypten. Das Wasser des Nil verwandelte sich in Blut, in undurchdringliches Dunkel wurde das ganze Land gehüllt. Die Erstgeborenen der Egypter starben, über die Häuser der Israeliten aber schritt der Tod hinweg. Gott selbst führte die Israeliten, als sie aus Egypten zogen: In einer Wolkensäule zog er am Tage voran, in einer Feuersäule des Nachts. Das Meer spaltete sich, daß rechts und links die Wasser standen wie steile Mauern. Sie stürzten brausend zusammen, als die Egypter in ihrem Schlund sich befanden. Aus dem Felsen schlug Mose das Wasser, vom Himmel siel die Nahrung, das Manna, nieder. Auf flammendem Berge in Donner und Rauch offenbarte sich der Ewige, und steinerne Tafeln brachte Mose, von der Hand des Ewigen beschrieben. Die Erde öffnete ihren Mund, die Rotte Rorah zu verschlingen, die Mauern Jerichos brachen beim j)osaunenschall zusammen. Doch je weiter die Bibel vorschreitet in der Schilderung der Zeiten, desto seltener werden die Wunder. Die Propheten wissen kaum mehr von wundern zu erzählen, und schließlich verstummen die Wunder ganz. Es ist wie im Leben des Rindes. In einer Wunderwelt lebt jedes Rind. Alles ist ihm lebendig, alles ist ihm ein wunder. Was uns selbstverständlich, ist dem Rinde ein Wunder; was uns unbegreiflich, liegt dem Rinde so nahe, das im Reich des Wunders lebt. Doch langsam schwindet die Wunderwelt des Rindes. Nicht mehr aus bunten, bald lachenden, bald geheimnisvoll tiefen Augen schaut die Welt das Rind an, sondern ruhige, ernste, kalte Augen hat das Leben bekommen; und ernst und kalt schaut auch der Erwachsene das Leben an. Gibts eine Wunderwelt nur für das Rind und nicht für den Erwachsenen? Haben die Völker nur in ihrer Rindheit in einer Wunderwelt gelebt? ist sie für unz entschwunden? Ist die Welt für uns nur noch eine Rechenmaschine, unfern Ropf quälend, unser Herz kalt lassend? Wie kalt, wie trostlos wäre das Leben! Und dennoch ist die Wunderwelt für uns nicht entschwunden, und dennoch leben wir in ihr und können sie sehen, wenn wir nur sehen wollen. Aber wer mit verschlossenen Sinnen durchs Leben geht, der merkt nichts von Wundern. Durch helle winternacht schreiten zwei Freunde: Im fernen Süden hatten sie sich kennen gelernt, der Sohn des Nordens und