Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 7 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Ar. rned. Winter: Lieber die Notwendigkeit des libernten Judentums Daher wurde oftmals die Ausübung einer religiösen Handlung nicht als Pflicht, sondern als Last empfunden und oft sprach man von den Schwierigkeiten, die die Religion ihren Bekennern auferlegte. Run ist es ja sehr einfach, sich einfach über dies und das hinwegzusetzen, blindlings seine Augen zu verschließen und zu sagen: dies und das gefällt mir nicht mehr — ich verzichte darauf. Viel schwieriger ist es zu gleicher Zeit mit seinem Gewissen in religiöser Beziehung ins Klare zu kommen und sich selbst zu erklären, ob rächt die eine oder andere Sitte oder Vorschrift wirklich überflüssig oder unzeitgemäß ist und ebensogut außer acht gelassen werden könnte, wenn man nur sonst ein guter Jude ist. Denn aus dem Rinde wird ein Mann. Er entwächst dem elterlichen Hause, in dem er noch zu den alten Gebräuchen und Sitten angehalten wurde, er tritt ins Lieben hinaus und muß nun selbst sehen, wie er den Ramxf ums Dasein mit dem Judentum in Linklang bringen kann. Da sieht er erst, wie schon allein sein Bekenntnis zu der ererbten Religion ihm die größten Schwierigkeiten von seiten seiner Mitmenschen bereitet und wie diese sich noch häufen, sobald er z. B. die rituellen Sxeisegesetze im Verkehr mit Andersgläubigen in ihrer alten Strenge oder andere rituellen Vorschriften mannigfacher Art ausüben möchte. Ls wird sich bald ein Gewissensstreit erheben in seinem Innern, er wird schwankend, und wie oft ist es dann gelegentlich eines solchen Zwiespaltes soweit gekommen, daß er das Rind mit dem Bade ausschüttet und dem Judentum ganz den Rücken gekehrt hat, da es ihm nach seiner Meinung nur Hindernisse in den weg legte. Aber auch im Verkehr mit eigenen Stammesgenossen kam es zu Differenzen, wer die Ritualien nicht gewissenhaft hielt und sich freimütig über Sitten und Gebräuche des orthodoxen Judentums äußerte und danach handelte, der galt als Abtrünniger, den man schon im Lager der Andersgläubigen sah, obwohl derselbe als Jude sich fühlte und betätigte, oft mehr als feine frommen Nachbarn, die da glaubten, nur im Gebetmurmeln und rituellem Esten bestände das Judentum. Und wenn wir dann die letzten zwanzig Jahre an unserem geistigen Auge vorbeiziehen lassen, so müssen wir erstaunt sein über die Wandelung, die sich im Judentum vollzogen hat. Nicht die auf dem starren Boden des althergebrachten Gesetzes Stehenden waren es, die s. Z. den Aufruf an die akademische Jugend entwarfen, sich zusammenschlossen, um dem Spott und Hohn, den die Juden als solche zu ertragen hatten, ein Ende zu machen und den Namen des Juden wieder zu Lhren zu bringen; und die später dann die Veranlassung gaben zur Gründung des Zentralvereins, der an allen Lcken und Enden wieder die Flamme der Begeisterung fürs Judentum entfacht hat und daM beigetragen hat, daß das schändliche Treiben gewissenloser antisemitischer Agitatoren zum großen Teile lahmgelegt ist und wird. Und so haben wir denn eine neue Aera in der Entwickelung des Judentums vor uns, die nicht etwas Neues schaffen will, sondern die dazu beitragen will, daß das moderne Leben mit dem religiösen Empfinden in Einklang gebracht wird. Ein günstiges Zeichen ist es, daß gerade fetzt, wo viele von den Abseitsstehenden sich ihres Judentums wieder bewußt geworden sind, wo sie durch die äußeren Verhältnisse in ihrer Umgebung mit Flammenschrift gemahnt wurden, daß sie als Juden sich ihrer Haut wehren müssen, um Anerkennung ihrer Rechte zu erlangen, daß gerade jetzt auch in religiöser Beziehung eine gewisse Klarheit geschaffen wird. Und wenn auch zunächst in keiner Beziehung etwa feste Normen z. B. für die Ausgestaltung der Sabbatruhe oder der Ritualien rc. geschaffen