Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 7 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 157 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. «red. Winter: Urder dir Notwendigkeit des liberalen Judentums 157 Idee sich andere Träger wählen. Doch einstweilen haben wir noch keinen Anlaß, an der Wahrheit des Prophetenwortes zu zweifeln, daß der Geist, den Gott auf Israel gelegt und die Worte, die er ihm in den Mund gegeben, nicht weichen sollen aus seinem Munde, aus dem Munde seiner Rinder und Rindeskinder für und für. Bislang haben Judentum und Juden das Dichterwort bewahrheitet „mersLS profundo, pulchrior evenit". Sobald die Verfolgung zu weichen begann, hat das Judentum — Amerika bietet hierfür ein klassisches Beispiel — seinen wahren Geist gezeigt, und die Iudenheit hat sich um es geschart. Und darum fürchten wir nicht: solange wir unsere Pflicht tun, das Erbe der Väter wahren und es unverkürzt unseren Rindern übertragen, wird das Judentum bestehen, bis seine Aufgabe erfüllt ist, bis es feine wahre Erlösung gefunden hat: „Gin Vater im Fimmel, eine Bruderfamilie auf Erden." Ueber die riotroendigkeif des liberalen Judentums. Von ör. med. Winter-JTlagdeburg. nd es ging ein Ruf durch die Lande, und viele verstanden ihn und folgten ihm gern." So mochte man nach einem alten Bibelworte auch reden, als man hörte, daß sich eine Anzahl Theologen und Führer im Judentum zusammengetan hätten, um der altehrwürdigen Gestalt neue Rraft zu verleihen und dieselbe für die Zukunft lebenskräftig und lebensfrisch zu erhalten. Da kommen denn von vielen Seiten die Fragen: Ist denn das Judentum so greisenhaft geworden, daß eine Nachhilfe notwendig geworden ist? Ist denn der Rörper schon so morsch, daß ein Zusammenbruch zu befürchten ist? Nein, eine Religion, die die ärgsten Verfolgungen, die schlimmsten Verunglimpfungen und schnödesten Gehässigkeiten über sich hat ergehen lassen und deren Anhänger sich dennoch aus den verachteten Ghettobewohnern zu der heutigen geachteten Stellung emxorgerungen haben, eine solche Religion ist nicht schiffbrüchig und altersschwach geworden. Ihr Herz ist noch jugendfrisch wie ehedem und führt noch gesundes und kräftiges Blut nach allen Teilen des gewaltigen Rörpers. wenn also der Rörper rüstig ist, wozu denn neuerdings der gewaltige Apparat von geistiger Fähigkeit, der der Sache des liberalen Judentums entgegengebracht wird? Erinnern wir uns nur zu dem Zwecke an unsere eigene Jugend. Wie angelegentlich ließen es sich doch oft die Eltern sein, die Rinder in alle althergebrachten Sitten und Gebräuche des Judentums einzuweihen, wie wurden die einzelnen Speisegesetze und religiösen Vorschriften mit großer Sorgfalt innegehalten und den Rindern eingeprägt, und mit welcher Gewissenhaftigkeit pflegten die Lehrer den Schülern gelegentlich der Vorbereitung zur Barmitzwah und dann später im vorgeschrittenen Alter die Ritualien, Gebete und zum Teil das jüdische Schrifttum nahezulegen und zur Renntnis zu bringen. Und man muß es eingestehen: eine innere Erhebung sondergleichen bildete der Sabbatabend mit all seiner Schönheit, bildeten die Zeremonien an den Festtagen, bildete vor allem das Gefühl, bei allen religiösen Handlungen ein gottgefälliges Werk zu tun und sich eine innere Rräftigung fürs tägliche Leben zu errichten. Daß aber vieles von alledem mit großen Schwierigkeiten verbunden war und uns in eine soziale Sonderstellung versetzte, das konnte schon das Rind fühlen.