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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 7 (1909) · p. Seite 153

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
7 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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Ar. I. Gsldschmidt: SoftalwissenschaMchr SeLruchtrmg 153 chan-Aruch sich selber machen, irgend eine feste Struktur haben muß, wenn Lebensfähigkeit und Wachstum ihm innewohnen soll, das ist über jeden Zweifel erhaben. — Wir dürfen bei der Schulchan - Aruch- Frage nicht das Rind mit dem Bade ausschütten. Es ist nicht der Schulchan-Aruch an sich, sondern der Mißbrauch, der mit ihm getrieben wird, was wir zu bekämpfen haben. Der Schulchan - Aruch wird von der Orthodoxie vergöttert: Die Vergötterung muß bekämpft werden, der Schulchan-Aruch selbst verdient den Dank der jüdischen Geschichte als ein mächtiger Faktor des Lebens und der Entwicklung. Erst mit der Vergötterung, mit der Unfehlbarkeitserklärung wird die Struktur, die ein notwendiger Träger des Wachstums ist, zu einem Hemmschuh, zur Vernichtung des Wachstums. Mit dem Augenblicke erst, wo die Anschauung herrschend wird, daß der Mensch für den Schulchan-Aruch, und nicht dieser für den Menschen da ist; mit dem Moment, wo die schöpferischen Rräfte des Menschen auf dem Gebiete der Religion zu sündhaften Regungen des „bösen Triebes", des Jezer hara, gestempelt werden, die gegen das ewig gleich gültige „Gesetz" sich empören, wo das Wesen der Religion in der „Gesetzes-Treue" gefunden wird, erst an diesem Punkte beginnt die hohe Aufgabe, das ewige Menschenrecht gegenüber den Produkten der Geschichte zu verteidigen, den Reichtum der Religion nicht in irgend welchen noch so hohen fertigen Gütern, sondern in den schöpferischen Rrästen zu suchen, das Wachstum gegenüber der Verknöcherung der Struktur sicher zu stellen. — wohlgemerkt: gegen Verknöcherung, nicht aber gegen Struktur. Im Einzelleben ist der Eintritt der Verknöcherung unvermeidlich. Ob auch in den Organismen der Gesellschaft, in den soziologischen Gebilden der endliche Eintritt der Verknöcherung der Struktur unvermeidlich ist? Die Geschichte lehrt uns, daß in allen bisherigen soziologischen Gebilden die Verknöcherung der Struktur eingetreten ist und den Tod herbeigeführt hat. Aber die Geschichte lehrt nur Tatsachen, nicht aber unabänderliche Notwendigkeit derselben. Wir glauben an die Ewigkeit des Judentums, wir stehen im Dienste dieses Glaubens. Bei Verknöcherung der Struktur ist der Tod unvermeidlich, also muß die Verknöcherung vermieden werden. Die Struktur- Elemente müssen den Zustand der Veränderlichkeit, die Möglichkeit des Wachstums bewahren, wenn die Lebensfähigkeit nicht begrenzt sein soll. Es muß immer die Möglichkeit abzubauen gegeben sein, um wieder aufbauen zu können. Das ist die Aufgabe des „Liberalen Judentums": Erhaltung der Lebensfähigkeit und des Wachstums gegenüber der Verknöcherung. Die Fragen: was muß niedergerissen werden? Teile? Das Ganze? Was muß wiederaufgebaut werden? Ganz Neues? Halb Neues? was kann, was soll vom Alten in die neue Struktur hinüber genommen werden? Diese Fragen sind nicht leicht, sind nicht schnell zu beantworten. Ihre Beantwortung kann nur das Resultat ernster Arbeit des liberalen Judentums sein. Das liberale Judentum ist nicht im Prinzip Gegner des Schulchan-Aruch, sondern nur in soweit er Wachstum und Leben hindert. Emanzipation der schöpferischen Rräfte von der Tyrannei der geschichtlichen Produkte, des Wachstums von der Verknöcherung der Struktur, der Rampf des „sozialen Denkens" in der Weltanschauung gegenüber dem veralteten „Rapitalismus": Das ist das Wesen, das ist die Aufgabe des „liberalen Judentums".

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