Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 7 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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152 Ar. I. Gsldschmidt: Sszislwisirnschnstlrchr Beleuchtung ersten Eisenbahnen, die an sich natürlich ein immenser Fortschritt waren, erschwerte den Uebergang zur weiten Spurweite; das einmal vorhandene Abzugskanal-System, zur Zeit der Einführung von größter Wichtigkeit zur Bekämpfung der Infektionskrankheiten, erschwert durch seine bloße Existenz den Uebergang zu bessern Systemen, die einen vollständigen Sieg in dieser Bekämpfung in Aussicht stellen. Das Institut der Leihbibliotheken, das die Bildung verbreitete, als die Bücher teuer waren, verhindert eine größere Verbreitung und Verbilligung der Bücher. Die vorhandenen höhern Bildungsanstalten, in hohem Ansehen durch die Eigenliebe ihrer Lehrer und Schüler stehend, verhindern den Fortschritt zu höhern Bildungsstufen. Dasselbe gilt von militärischen, richterlichen und allen Beamten-Organisationen. Eine Struktur ist in allen diesen sozialen Organismen unbedingt nötig, wenn Wachstum möglich sein soll; denn alles Wachstum ist organisch, und alles Organische ist Struktur. Aber andererseits darf das Strukturelle niemals ganz verknöchern, wenn nicht ein weiteres Wachstum unmöglich werden soll. — Uebertragen wir diesen Gedankengang auf das Judentum und seine Geschichte, dann haben wir den rechten Maßstab für den unendlichen Dank, den unsre Entwicklung den Männern schuldig geworden ist, welche an der Kodifikation unserer Tradition gearbeitet haben, jener Reihe ehrwürdiger Gestalten, die von Esra, dem Schriftgelehrten, angefangen über Killet, Rabbi Akiba, Juda Hannassi, Rab Aschi und Rabina zu Maimonides und von dessen „Mischne tora" zu Joseph Karo’s „Schulchan-Aruch" hinführt. Diese Männer sind die Baumeister der Struktum. Es ist leicht über den Schulchan-Aruch den Stab zu brechen, wenn man von den organischen Gesetzen im Leben des Geistes keine Kenntnis hat. Diejenigen, welche glauben, man könne ein Judentum, ohne alle festen Struktur-Elemente, mit einigen eklektischen, ethischen Sätzen von Liebe, Menschlichkeit, Gerechtigkeit usw. errichten, die mögen ja als Baumeister von Luftschlössern zu diplomieren sein, aber zu Baumeistern am Tempel der Geschichte eignen sie sich nicht. Die Bedeutung unserer Kodifikationen für das Wachstum des Judentum wartet noch auf den rechten Geschichtsschreiber, der mit philologischer Kritik Verständnis der Wirklichkeit und tiefe soziologische Einsicht verbindet. Unsre Geschichtsschreiber staunen das Auftauchen eines Spinoza, eines Mendelssohn wie ein Wunder an, weil sie in der Umgebung das geistige Wachstum nicht gewahren, das grade von der festen Struktur des Schulchan - Aruch - Judentums ausging. Auf der ganzen Breite des Geschichts- Horizontes sehen sie dichte Dunkelheit, nur hier und dort blitzt ein Lichtstrahl, woher diese Blitze, wenn nicht die Schulchan-Aruch- Atmosphäre doch von Spannungen durchströmt wäre, die nach Entladung streben? Die geschichtliche Bewertung der konstruktiven Elemente für Entwicklung und Wachstum, für Hervorbringung der Zweige, auf welchen die Blüten und Früchte der Menschheit zur Reife kommen, ist ein soziologisches Problem, das gerade in der Geschichte der Religionen nicht realistisch genug ins Auge gefaßt werden kann. Alles Wachstum. der Geschichte beruht auf dem Vorhandensein fester Institutionen. Diesem soziologischen Gesetze muß das liberale Judentum, wenn es nicht eine schillernde Seifenblase sein will, klar ins Auge schauen. Das Schulchan-Aruch- Prinzip darf nicht einfach verworfen werden. Ob etwas und wie viel vom alten Schulchan-Aruch in den neuen hinüber zu nehmen ist, mag zu erwägen sein, aber daß das liberale Judentum irgend einen Sdjuk