Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 7 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126482-3126490--0164-3126932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Pr. I. Gsldschrnrdt: Softrrlunssenschrrftliche Krleuchtung 151 setzen, und niedergerissen darf nichts werden, da ist alles für die Ewigkeit gebaut, die Vollendung liegt da in der Vergangenheit, die Aufgabe aller Zukunft ist, ein treues Abbild der Vergangenheit zu fein. — Rann man sich da verwundern, daß der Mensch mit seinen ewig schöpferischen Trieben sich unbefriedigt davon abwendet und der Indifferentismus alles verschlingt? Das Schlimmste und Verhängnisvollste liegt aber in dem Umstande, daß die Beschäftigung mit dem jüdischen Schrifttum in dem nüchternen deutschen Judentum schon früh die verschlungenen Bahnen der j)ilxulistik verlassen hat, infolgedessen immer mehr zurückgegangen ist, weil das schöpferische Interesse gefehlt hat und in unserer Zeit fast ganz geschwunden ist. Die kümmerlichen Beste, welche in Form von Gebet- und Bibel- Uebersetzen in den kurzen Schuljahren der Jugend noch geboten werden, sind nicht geeignet, das geringe religiöse Interesse zu beleben. In Rußland, Galizien, Ungarn usw., wo noch Talmud „gelernt" wird, gibt die „j)ilx>ulistik" noch immer dem Oroduktionstriebe Gelegenheit, sich auszuleben. Ich bin der Letzte, der der Mxulistik das Wort reden will. Aber hier handelt es sich nicht um wissenschaftliche Bewertung, sondern um psychologische Tatsachen, und in diesem Sinne muß die Tatsache registriert werden, daß da, wo die Zlilpulistik in Blüte steht, die produktiven Rräfte trotz aller praktischen Gebundenheit doch theoretisch nicht am Hungertnche nagen. — In den westeuropäischen Rulturländern ist aber nicht nur das pilpulistische Studium der jüdischen Religionsquellen vollständig ausgestorben, auch bei den Orthodoxen, sondern das ganze Studium der jüdischen Religionsquellen in den Laienkreisen hat außerhalb der Orthodoxie vollständig aufgehört. Alles, was an Judentum noch gepflegt und verlangt wird, ist epigonenhafte Wiederholung der frühern Zeiten. Den schöpferischen Rräften ist nicht die geringste Gelegenheit zur Betätigung gegeben. Da vertritt das „Liberale Judentum" die j?ostulate der produktiven Rräfte gegenüber den starren Rapitalien von Traditionen, wie sie unter dem Einfluß des Schulchan- Aruch das Judentum zur absoluten Stabilität gebracht haben. Diese Stabilität, diese Erstarrung muß gebrochen, es muß j)latz frei werden für die schöpferischen Triebkräfte der Menschenbrust auf dem Gebiete der Religion des Judentums. Wachstum oder Tod? Das ist hier die Frage. wie aber kommt das Wachstum zustande? Nicht ohne jenes feste historische Gefüge, welches die Soziologie „Struktur" nennt. Strukturund Wachstum — das ist das große von Herbert Spencer aufgerollte soziologische Problem, „welches ist das Verhältnis in einer Gesellschaft zwischen Struktur und Wachstum? bis zu welchem Moment ist die Struktur für das Wachstum notwendig? nach welchem Moment verzögert sie das Wachstum? bei welchem Moment hemmt sie das Wachstum?"*) Struktur muß vorhanden sein, damit Wachstum möglich fei, aber die Struktur muß veränderlich bleiben, damit sie sich den gewachsenen Dimensionen anpassen könne und nicht selber ein Hindernis des Wachstums werde. Die einzelnen Teile der Struktur müssen umgeformt, abgebrochen und wieder aufgebaut werden können. Je mehr die frühere Struktur vollendet war, desto mehr Hindernis für den Abbruch und Wiederaufbau. „Das Gute ist der Feind des Bessern", nirgends mehr, als in den Gebilden der Gesellschaft. Spencer führt dafür als Beispiele an: Die vorhandene enge Spurweite der *) Einleitung in das Studium der Soziologie, Leipzig, F. A. Brockhaus *875, I. 5. 78 u. ff.