Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 7 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3126481-3126482-3126490--0163-3126931- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
150 Ar. I. GsLdschwrdt: SorisiwissrnschaMchr Beleuchtung Daneben entfaltet sich die hebräische Sprachwissenschaft, die Bibel-Lxegese, Kommentare zum Talmud und endlich die schönste Entfaltung des jüdischen Geisteslebens: die religiöse Poesie. Die Buchdruckerkunst ist noch nicht erfunden, und obgleich die Gebetbücher in unzähligen Abschriften verbreitet sind, ist doch noch die Gestaltung der Gebetordnung nicht abgeschlossen. Die Manuskripte haben nicht so stabile Tendenz, wie die Druckwerke, wo jede Veränderung gleich in eine ganze Auslage eingreist. Die Einfügung neuer religiöser Gedichte in die alte prosaische Gebetordnung fand keinen Widerstand, sondern freudige Begrüßung. Unsere Selichoth und jAjutim stammen aus dem Mittelalter, welch reiches Gebiet für die schöpferische Tätigkeit! Und dazu kommt noch eins: Selbst die einfache Beschäftigung mit Bibel und Talmud, die nichts weiter als dem religionsgesetzlichen Gebote genügen wollte, hatte die dialektische Form der „Tosfaphoth" angenommen, wodurch neben dem Interesse an wissenschaftlicher Wahrheit ein unendlicher Reichtum mehr oder weniger interessanter Geistesspielereien sich entfaltet hat. Objektiv mag man über diese Erzeugnisse der „j)ilpulistik" wie immer denken, jedenfalls hat sie den schöpferischen Trieben unendlichen Stofs zur Gestaltung geboten. Die schöpferischen Kräfte im Judentum brauchten wahrlich nicht zu darben. Die den Juden nachgerühmte Regsamkeit des Geistes ist noch ein Lrbe dieser Periode. Mit dem Abschluß des Schulchan-Aruch beginnt das Epigonentum. Rur was mit dem Stempel des Schulchan-Aruch sich legalisieren kann, hat Ls eimatsb erechtigung. Alles ist stabilisiert. In Kleidung, Wohnung, Freude, Trauer, religiösem Zeremonial, Gottesdienst, Gebet, Feier der Feste, Wohltätigkeit, körperlichem Genuß, geistiger Nahrung — in allem ist der Schulchan-Aruch höchste Instanz. Nur in den relattv wenigen Fällen, wo die Entscheidung des Schulchan- Aruch gegen anerkannte Autoritäten ausfällt, wagt man es, auf Grund eingehenden Studiums der talmudischen Ouellen, andern Autoritäten zu folgen: noch immer ein gewisser Spielraum, wenn auch ein sehr enger, doch nicht ohne Belang für die produktiven Kräfte, besonders wenn man bedenkt, daß das ganze Gebiet der theoretischen piU pulistik, bei der großen Verbreitung der Lalmudischen Studien in der Iudenheit, noch immer ein bedeutender nicht eingeschränkter Tummelplatz der Geister geblieben ist. — Der Schulchan - Aruch mit seinen „Waffenträgern" gelangt aber immer mehr zur Herrschaft. Das Bestehende erhält immer mehr den Charakter der Unabänderlichkeit. Die Gebetordnung ist sestgelegt, es darf kein Stück weggelassen, keines hinzugefügt werden, wer wird noch religiöse Dichtungen Hervorbringen, die doch nicht in den Kanon ausgenommen werden? — Das Denken ist schablonisiert: man muß das und das glauben, sonst ist man kein Jude. Die Beschäftigung mit Äeligionsxhilosoxhie ist dogmatisches Aufnehmen alter kanonisch gestempelter Ansichten. Die Geschichte des Judentums, die Geschichte der Offenbarung, die Geschichte des Religionsgesetzes, die Geschichte des religiösen Lebens, die Geschichte der klassischen Literatur des Judentums, der Bibel und des Talmud; die Geschichte der religionsgesetzlichen Hermeneutik, des Verhältnisses der Heiligen Schrift zu Mischna und Talmud, usw., alles das ist ein nett me tangere, darüber hat die Tradition die ewig gültigen Urteile gefällt, und daran muß man festhalten, dabei muß man bleiben, wenn man Jude fein will, wo immer die schöpferischen Kräfte im Judentum sich betätigen wollen, überall werden sie zurückgewiesen. Es ist gar nichts mehr zu schaffen, die Schöpfung ist seit Jahrtausenden abgeschlossen. Jedes Aufbauen würde ein Niederreißen voraus-