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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 7 (1909) · p. Seite 149

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
7 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 149 (sequence 5)
Language
German
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Nr. I. Gsldschmidt: SoftsIrvissenschaMchr Krlruchtrmz 149 Deutschland hatten die schöpferischen Kräfte des Judentums alle Hände voll zu tun. Line kurze Wanderung durch die jüdische Geschichte wird das bestätigen. — von der Periode des sogenannten „prophetischen Judentums" wollen wir ab sehen. Diese Zeit ist durch die tendentiöse protestantische Theologie in möglichst falsche Beleuchtung gekommen. Unsere Katheder-Theologie, der ich die höchsten Verdienste um das Verständnis unserer Heiligen Schrift und unsrer Geschichte nicht im geringsten ab sprechen will, hat aus unfern Propheten Kämpfer gegen das spezifisch Jüdische gemacht, um nachher in Paulus, der „des Gesetzes Lnde" predigte, den rechtmäßigen Lrben der Propheten gegenüber dem talmudischen Judentum zu feiern, wer von der Tätigkeit der Propheten Israels keinen Liefern Lindruck empfangen hat, als daß sie den Sieg der Lthik über den Tempel vorausverkündet haben; wer die Predigt einer solchen Binsen-Wahrheit, die von der nicht stilisierten Geschichte übrigens mindestens ebenso oft widerlegt als bestätigt wird, ja gerade durch den von den Propheten verkündeten Sieg der ethisch tiefer stehenden Assyrer und Babylonier über Israel und Juda Lügen gestraft wird, wer in einer solchen predigt eine so große geschichtliche Tat erblicken kann, der erweist dadurch allein schon, daß er nicht zum Geschichtschreiber berufen ist. Wenn die Geschichte der Propheten Israels in vorurteilsloser Wahrheit geschrieben sein wird, dann wird man sehen, daß die Propheten ebenso nachdrücklich ein geläutertes Judentum, wie ein geläutertes Judentum gefordert haben. Die allgemeinen ewigen Forderungen der Menschheit sind nur als immanente Schranken der Willkür Führer der Geschichte im Großen, die schöpferischen Kräfte der Geschichte liegen im Individuellen der Menschen und der Zelten. Die schöpferische Tätigkeit der Propheten Israels in ihrer Zeit für alle Zeiten muß noch der wissenschaftlichen Erkenntnis erschlossen werden. Auch das ist eine Aufgabe unserer „Liberalen Vereinigung", und nicht ihre kleinste. — Auf das prophetische folgt das „rabbinische Judentum", was ist aber der Kernpunkt des „Rabbinismus" gegenüber dem „Karäertum"? Das Prinzip, daß die Offenbarung des Göttlichen nicht bloß einmal für alle Zeiten am Sinai ihren Abschluß gefunden hat, sondern daß alle Zeiten gleichberechtigte Träger des Göttlichen sind: Die Berechttgung der „Traditton" neben der „Schrift". Das Karäertum ist starres Lxigonentum, der Rabbinismus ist Betättgung der schöpferischen Kräfte gegenüber der Stabilität der Produkte irgend einer Zeit. Und in den palästinensischen und babylonischen Hochschulen haben die produkttven Kräfte wahrlich nicht über Mangel an Betättgung zu klagen gehabt. Die monumentalen Werke der Mischna und Gemara, der ältesten Midraschim, der Massora, der Einrichtung des öffentlichen Gottesdienstes, der Gebetordnung, der Gestaltung des religiösen Lebens, abgesehen noch von den Arbeiten der Targumim, der Geschichtschreibung und des Alexandrinismus usw., lassen uns erstaunen über den Reichtum und die Regsamkeit der schöpferischen Kräfte des rabbinifchen Zeitalters. — Mit dem Untergange der Hochschulen von Sura und pumbadita entwickelt sich die Blütezeit der spanischen Periode der jüdischen Geschichte. Ueber den Reichtum dieser Zeit an religiöser Geistestättgkeit braucht man nicht viel Worte zu machen. Auf der einen Seite ist es die systemattsche Bearbeitung des Talmud, die über Alfasi, Maimonides, Rabbenu Ascher, Jacob ben Ascher zu Joseph Karo hinführte, auf der andern Seite ist es die Religionsxhilofophie, die schon mit Saadia's „Glauben und.Wissen" einsetzt und die herrlichen Blüten des „Führers der Verirrten",. des „Kusarr" usw. treibt.

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