Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 7 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Ur. I. Gsldschrnrdt: Kozialwrstrnschaftliche Beleuchtung in der Vergangenheit produziert wurde, wird mit der Zeit heilig gesprochen und zum Range göttlicher Unwandelbarkeit erhoben. „Nichts hinzutun und nichts davon nehmen", Io tossiphu welo tigreu, das ist die natürliche Tendenz aller Religion. Die Anwendung der Mathematik, welche nach Kant das Wesen aller Wissenschaft ausmacht, soll auch die Religion in spanische Schnürstiefel pressen: \3 Glaubensartikel, 6\o Vorschriften, 2^8 Gebote, 365 Verbote, \S Segenssprüche im Lsauptgebete, ^00 Segenssprüche jeden Tag, die an Festtagen ohne ,ch8-Gebet" durch Genuß-Segenssxrüche zu ergänzen sind; 3 tägliche Gebete, am Sabbat und Festtagen 4, am Jom Kippur 5 ic. . . . Das ist der reine „Kapitalismus". Der Boden, das Gebäude, die Maschine, das Produkt ist alles, der Mensch ist nichts, nur ein Diener dieser religionskapitalistischen Utensilien, nur wachs, um nach diesen gegebenen Vorlagen modelliert zu werden. Es fehlt den schöpferischen Kräften alle Gelegenheit, sich zu betätigen. Es ist schon aller Boden entdeckt, alle Gebäude sind errichtet, alle Maschinen sind aufgestellt, sogar die Summe der Produkte ist abgeschlossen. Nur ein Gebiet ist noch da, wo die schöpferischen Kräfte den Schein einer Betätigung entfalten können: die Organisation von Separat-Gemeinden, der Kampf gegen den Drang der schöpferischen Kräfte, die Kriegserklärung allen schöpferischen Trieben, die die Schablone durchbrechen wollen. Die eeelsLiL mi1itau8 täuscht überall die schöpferischen Kräfte über deren wirkliches wesen hinweg. Sie, die sich in Neuem betätigen wollen, sind glücklich, sich überhaupt betätigen zu können. Daher die äußerlichen Erfolge der Orthodoxie in der Verführung zur Bildung von Sexarat-Gemeinden und die nicht zu leugnende Begeisterung, die in den Zentralen der Orthodoxie herrscht. Nehmt der Orthodoxie ihr Kampf-Objekt, und ihre Lebenskraft ist ihr genommen. Das Glück der Orthodoxie ist die Existenz des Liberalismus, denn derselbe schöpferische Drang, der im Liberalismus seine Befriedigung sucht, findet als Orthodoxie seine Befriedigung in dem Kampf gegen den Liberalismus, der eine Betätigung außerhalb der Schablone gewährt. Jede wahre Frömmigkeit findet ihre Seligkeit in sich selbst und ist darum demütig und tolerant. Nur das Epigonentum, das in seiner Unfruchtbarkeit verzweifelt, ist kriegerisch, nicht nur in der Religion, sondern auf allen Gebieten. „Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen, der werdende wird immer dankbar sein." Dasselbe psychologische Gesetz ist der Vater der Orthodoxie wie des Liberalismus: Der Drang der schöpferischen Kräfte über die Schablone hinaus. Die Orthodoxie trägt darum den Keim ihres Verfalls in ihrem Wesen. Ihr Sieg über den Liberalismus würde ihr Tod sein, denn mit dem Ende des Kampfes würden die schöpferischen Kräfte dieselbe Richtung gegen das unfruchtbare Epigonentum des Schulchan-Aruch-Zudentums einschlagen, wie in der modernen Erscheinung des Liberalismus im Judentum. Der menschliche Geist erträgt kein Epigonentum auf die Dauer; Kampf der schöpferischen Kräfte gegen den „Kapitalismus" ist die mächtigste Triebkraft der Geschichte auf allen Gebieten. Man wird demgegenüber die Frage aufwerfen: warum sind Liberalismus und Orthodoxie erst in der Neuzeit in die Erscheinung getreten? warum haben sich die schöpferischen Kräfte im Judentum das Epigonentum mehr als zwei Jahrtausende gefallen lassen? — Ich antworte: weil das Epigonentum erst in der Form, wie der Schulchan- Aruch in Deutschland allmählich zur Herrschaft gelangte, im Judentum vorhanden ist. Bis zum Beginne der Reformbewegung in