Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 7 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar-. I. Gsldschmidt: SsziAlwiffenschsstlichr Beleuchtung 147 zu sein sich bemühe. Millionen und aber Millionen mehr oder weniger guter Kopieen eines Gesetzbuches als Quintessenz einer Philosophie der Geschichte: das stellt sich zu augenfällig als Schablone, in die der Reichtum des Menschlichen gepreßt werden soll, vor das Forum des göttlichen Menschheits- Ideals. Wir werden später dem Schulchan Aruch Gerechtigkeit widerfahren taffen, dem Schulchan Aruch geben, was des Schulchan Aruch ist; hier wollen wir aber auch schon die Frage entgegenftellen, ob denn diejenigen, die sich „ihren Schulchan Aruch selber machen", wie man zu sagen pflegt, sich prinzipiell von der Schulchan Aruch - Orthodoxie unterscheiden? Sei es, daß sie zu ihrem Schulchan Aruch die „Prophetische Religion", oder die „Augsburger Synode" oder sonst einen mehr oder weniger disharmonischen Ausschnitt aus dem Judentum machen: so lange ihnen Religion eine Schablone ist, in die der Mensch hineinzuzwängen, eine Summe von Produkten der Vergangenheit, die jede Gegenwart zu verwalten, zu erhalten, zu vererben hat, so lange ist ihr Standpunkt prinzipiell der Standpunkt jeder Orthodoxie, der Standpunkt des Kapitalisums in der Religion, der in den Produkten und nicht in den produktiven Kräften den Reichtum erblickt. Solche Religion ist aufgespeichertes, objektiviertes Kapital; alle Religion, die Produkte der einen oder anderen Periode der Vergangenheit vergöttert, ist Orthodoxie, und alle Orthodoxie ist religiöser „Kapitalismus". Das soziale Denken ist die Erlösung der Menschheit vom materialistischen Kapitalismus — aller Kapitalismus ist im letzten Grunde Materialismus. Der Sozialismus hat den Kapitalismus, den Anbeter des Produkts, mit seinen eigenen Waffen, durch einfache kapitalistische Berechnung ad absurdum geführt. Gr hat nachgewiesen, an der Lsand unfehlbarer Zahlen, daß die Summen, welche bei den Kulturvölkern auf die Erziehung der Bürger verwandt werden, mehr als das Dreifache des Kapitals betragen, welches in den Gütern und Produkten sich präsentiert. Während alle Güter und Produkte, also Boden, Gebäude, Maschinen und Erzeugnisse in Deutschland ein Kapital von ungefähr 300 Milliarden darstellen, repräsentieren die Kosten der Erziehung von ca. 60 Millionen Deutschen ein Kapital von ca. 1000 Milliarden. Der eigentliche Reichtum der Nation steckt also tatsächlich nicht in den kapitalistischen Gütern, sondern in den produktiven Kräften der Gesellschaft, und nun feiert die höchste ethische Forderung: der Mensch ist nirgends Mittel, sondern überall Zweck, ihren höchsten Triumph in dem Siegeszuge des sozialen Denkens, daß nicht die Produkte, sondern die produktiven Kräfte den Reichtum der Gesellschaft ausmachen. Auf allen Gebieten herrscht jetzt die Tendenz, gesetzliche Einrichtungen zu treffen, um die produktiven Kräfte der Völker zu erhalten und zu bereichern. Der Kapitalismus sieht es schließlich selbst ein, daß aller noch so großer Reichtum von Produkten, ohne die produktiven Kräfte wertlos ist, und daß andererseits aller kapitalistische Reichtum immer etwas Gegebenes und Begrenztes ist, während der soziale Reichtum der produktiven Kräfte unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet. — Machen wir nun von diesem Umschwünge der kapitalistischen Weltanschauung zum sozialen Denken die Nutzanwendung auf das Gebiet der Religion, so wird es ohne weiteres klar, was uns in der Religion fehlt, was uns not tut, was allein noch im Stande sein könnte, den Indifferentismus zu überwinden. Auf keinem Gebiete ist die Vergötterung des Produkts so buchstäblich zur Herrschaft gekommen und zum Tyrannen geworden, als auf dem Gebiete der Religion. Was irgendwie auf dem Gebiete der Religion