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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 7 (1909) · p. Seite 146

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
7 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 Ar. I. Goldfchmrdt: SozialwrssenschrrMchr Krlerrchtimg Sozialroiffenfchaftlichc Beleuchtung der Aufgaben des liberalen Judentums. Von Dr. J. Goldfchmidt. as hat Sozialismus mit Religion zu Lun? Mehr als man denkt. Unsere Bewegung: „Liberales Judentum" ist im Grund nichts anderes als „Sozialismus" kontra „Kapitalismus". Das soll gezeigt werden. — vor allem aber eine überflüssige Richtigstellung, die Bemerkung, daß „Sozialismus" nicht identisch ist mit „Sozialdemokratie". Letztere ist eine politische Partei, Sozialismus ist eine Weltanschauung. „Soziales Denken" ist die Signatur unserer Zeit, die alles beherrscht, was gesund und lebenskräftig ist. Alle Mitarbeiter am Tempelbau der Gegenwart müssen vom Schwünge des „sozialen Denkens" ergriffen sein. Die „soziale Gesetzgebung" ist der Stolz der Länder und Staaten, die „soziale Fürsorge" der Stolz der Gesellschaft, die das alte „kapitalistische" Unterstützungswesen in die Rumpelkammer der Geschichte zu werfen sich anschickt. was ist aber „Sozialismus"? — Sozialismus ist diejenige Anschauungsweise, welche den Reichtum der Gesellschaft nicht in den Produkten, sondern in den produktivenKräften erblickt, während für den „Kapitalismus" die ökonomischen Güter: Boden, Gebäude, Maschinen, Arbeitsprodukte, das vermögen ausmachen, zu dessen Vermehrung die menschlichen Kräfte nur als Mittel zum Zweck eine Rolle spielen, hat der Sozialismus eine Umwertung der werte vorgenommen: die produktiven menschlichen Kräfte sind der eigentliche Zweck, das wahre vermögen, dessen Erhaltung und Erhöhung Ziel und Sorge aller Politik, Gesetzgebung und philanthropischer Tätigkeit ist, während die objektiven Güter nur als Mittel zu diesem höchsten Zwecke zu bewerten sind. — wie ist es nun in der Religion? wie auf allen Gebieten, so herrscht auch in der Religion die Anschauung des „Kapitalismus", und die Aufgabe der modernen Zeit ist die Umwertung der Werte nach der Anschauungsweise des Sozialismus. was macht den Reichtum der Religion aus? Produkte: Bücher (Bibel rc.), Dogmen, Gesetze, Institutionen, Gemeinde, Gotteshäuser, Gebetbücher, Liturgien, Gesänge, Zeremonien, Feste, wohltätige Stiftungen, Gottesäcker, Gräber, Denkmäler u. s. w. Das sind Produkte der Vergangenheit, diese sollen von jeder Gegenwart erhalten, vervielfältigt der Zukunft überliefert werden. Die Menschen stehen im Dienste dieser Güter, ihr höchstes Ideal ist, treue Diener dieser gegebenen, fertigen Heiligtümer zu sein, und wenn man auch im großen und ganzen die Religionen nicht den Grundsatz aufstellen hört: „Die Menschen sind für die Religion, nicht die Religion für die Menschen da", so sind die einzelnen Menschen und die einzelnen Generationen religiös doch nur danach zu bewerten, wie weit sie Diener der Religion sind und die gegebene Religion in ihrem Leben betätigen. Das gilt nicht nur von der Richtung im Judentum, welche sich mit anerkennenswerter Offenheit die „gesetzestreue" nennt; das gilt nicht nur von jeder Orthodoxie aller Konfessionen, sondern das gilt bisher von allen Richtungen in allen Religionen, wo Schrift und Tradition und Institutionen das primäre und der Mensch das Sekundäre ist. Es ist leicht, der Schulchan Aruchvergötterung den Fehde - Handschuh hinzuwerfen und ihr den Vorwurf zu machen, daß sie so genügsam sei, von jedem Juden aller Länder und aller Jahrhunderte nichts weiter zu verlangen, als daß er eine getreue Kopie des Karo-Isserles'schen Gesetzbuches

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