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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 6 (1909) · p. Seite 139

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
6 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 139 (sequence 19)
Language
German
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(Bim zionistische und eine christliche Stimme über unsere Bewegung 139 für das liberale Judentum mit folgenden sympathischen Ausführungen: „Ueberhaupt habe ich noch nie auf die Dauer ausreichende Belege dafür gefunden, daß religiöse Negationen etwas Bleibendes zu schaffen vermögen. Das religiöse Bedürfnis wird in dem normalen Menschen immer das stärkste bleiben. Demgegenüber stellt sich mir mm aber die andere Erfahrung, daß sich neben den bloßen Negationen in sehr verschiedenen Konfessionsformen religiöse Unterströmungen zu regen beginnen. vor mir liegen die ersten vier Hefte einer „Monatsschrift für die religiösen Interessen des Judentums". In dieser Beschränkung auf die religiösen Interessen wird jeder Sachkenner ein Novum erkennen, politische und wirtschaftliche Interessen sind ausgeschlossen. Ebensowenig kommt die Abwehr des Antisemitismus oder die Propaganda für oder gegen den Zionismus in Betracht. Die Behandlung der religiösen Fragen aber ist durchweg, wie einerseits von festem Glauben an die der Zukunft gestellten Aufgaben, so andererseits von strenger Selbstkritik getragen. Ich würde sogar den Ausdruck nicht scheuen, der in Luthers Bibelübersetzung mit „Buße" wiedergegeben wird. Denn es ist tatsächlich noch immer eine Bußstimmung gewesen, aus welcher allein wirkliche Reformen hervorgingen. Ls ist ein recht eigentliches Bußgefühl, ja ein Schamgefühl gewesen, welches nach der Schlacht von Jena über unser deutsches Volk kam: sein Prophet gerade in der Zeit der tiefsten Erniedrigung ist Fichte gewesen. Genau dieselbe Empfindung hat den Evangelischen Bund ins Leben gerufen: die Scham darüber, daß der deutsche Protestantismus durch sein eigenes Verschulden, an dem alle seine Richtungen Teil hatten, die Oberherrschaft des Papsttums und seiner Satelliten inl Zentrum zuwege gebracht hatte. Abermals die gleiche Erscheinung tritt nun aber dem Historiker in der neuen Zeitschrift „Liberales Judentum" entgegen. Sie geht aus von der Erkenntnis: wir tragen selber die Schuld an unseren Rlißständen, wir müssen auf die Wurzeln unserer Kraft uns wieder besinnen, von hier aus die Fragestellung der unter sich sehr verschiedenen Aufsätze: was für eine Aufgabe ist uns durch unsere Geschichte gestellt? Der Titel der Zeitschrift heißt „Liberales Judentum". Es ist dies um so beachtenswerter, da das Wort „liberal" seine alte Zugkraft im allgemeinen eingebüßt hatte. An seiner Stelle wird heute meist das Wort „modern" gebraucht. Nur zu oft gerade von solchen, welche die illiberalsten von allen sind, sich gar nicht vorstellen können, daß ein ehrlicher Mensch anders denken könne wie sie. Es ist das also das gerade Gegenteil von der Bedeutung des Wortes „liberal" in jenen Tagen, in welchen unser gewaltiger Staatsmann durch das Zusammenschweißen der Liberalen und Konservativen das neue Reich gründete. Denn das gleiche Recht, welches der liberale Mann damals für sich in Anspruch nahm, hat er ebenso jedem anderen gewährt. Darf ich eine persönliche Parallele anwenden, weshalb die Wahl dieses Wortes bei der jungen Bewegung innerhalb des Judentums mir so besonders auffiel? Der Titel einer meiner älteren, der Irenik gewidmeten Arbeiten redet nämlich von „dem geschichtlichen Erbe und der zukünftigen Aufgabe der kirchlich-liberalen Richtung". Eine ähnliche kirchlich-liberale Richtung, die sich ihres Unterschiedes von der Orthodoxie klar bewußt ist, aber der letzteren gerne zu gemeinsamer Arbeit die Hand reicht, ist nur in den bisher vorliegenden ersten vier Heften der jüdischen Zeitschrift entgegengetreten. Mit vollem Recht hat sie sich als eine „Monatsschrift für die religiösen Interessen des Judentums" bezeichnet. Die erste Nummer beginnt mit dem Wort „Zur Einführung": daß „aus einer Zeit tiefer Erschöp-

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