Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 6 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Eine zionistische und eine christliche Stimme über unsere Bewegung o o o o päische Judentum ist krank. In seinen von der Religion abgewandten Schichten vergiftet von äußerlichem Strebertum, ohne sittlichen Ernst, ohne L^ebenstiefe. Jeder Modenarrheit laufen sie nach, wenn sie sie nur vom Judentum befreit. Monismus, ethische Kultur, Dissidententum, Freidenkertum — die Juden stellen dazu das größte Kontingent . ." Und sicherlich hat er auch damit recht, daß nur eine religiöse, nicht eine politische Bewegung diesem sittlichen Zerfall sich entgegenstennnen kann. Wie aber? Was wir darüber aus dem neuen Kreise hören, sind nur Umrisse und Anregungen und noch kein festes Programm. Aber immerhin bemerkenswert ist das große Gewicht, das die Mitarbeiter der Zeitschrift und die Referenten der Konferenz auf die persönliche Religion legen und, was die äußere Form betrifft, die das Erlebnis annimmt, auf dieHerrschaftdesLntwicklungsg e s e tz e s. Die Religion soll eine im G e - müt des Einzelnen wirkende Kraft sein: damit stellen sich die neuen Reformer auf den Standpunkt der psalmisten und Propheten von David an bis zu Jesus von Nazareth. Nicht die „Pietät" gegen Vorfahren soll das treibende Motiv der religiösen Handlungen sein, sondern das individuelle Gottesbedürfnis. Ist das Individuum von heute Träger des Gottesdienstes, so muß die Scheidung von Mann und Frau Gott gegenüber verschwinden. Und die Betonung des Entwicklungsgedankens, die nun dazu kommt, bedingt die Sonderung von Kern und Schale in der Religion, bringt die Forderung der stetigen Anpassung der äußerlichen Religionshülle an die Zeitverhältnisse mit sich, und hat es ermöglicht, daß wohl zum erstenmal in der Geschichte der jüdischen Religion — mit der ausdrücklichen Anerkennung der modernen Bibelwissenschaft das Dogma von dem unmittelbaren göttlichen Ursprung der Bibel prinzipiell aufgegeben ist. Das sind Erscheinungen von so großer Tragweite, daß auch die zionistische öffentliche Meinung sie beachten muß. Nicht als ob die Partei sich für oder wider entscheiden sollte. Die Fragen der Lseimatsuche und der religiösen Renaissance sind völlig verschiedene. Und wie der Zionismus im Grunde Anhänger jedes Bekenntnisses oder Nichtbekenntnisses umfaßt, so müßte die neue Bewegung prinzipiell Angehörige des jüdischen Volkes wie jedes andern zu umschlingen suchen. Denn, es wäre lächerlich, in Fragen, die unser Verhältnis zum Unendlichen angehen, die zeitlichen Sonderungen zu betonen. Von einer solchen Konsequenz ist freilich die junge Bewegung noch weit entfernt. Lsat sie ja noch nicht einmal ihren Zusammenhang mit den religiösen Denkern des Ostens und vor allem mit dem Theismus der chassidischen Bewegung festgestellt, trotzdem gerade das Schöpfen aus diesen Quellen die neue Strömung vor dem versinken in Aeußerlichkeiten bewahren würde. Doch noch ist es zu früh zum Tadeln. Gegrüßt seien die neuen Boten der sich von allen Seiten kündenden religiösen Wiedererneuerung! Es gibt zionistische Träumer, die in ihr den letzten, in sich selbst wertvollen Zweck der bseimatsbewegung des jüdischen Volkes sehen . . . * * -r- Friedrich Nippold, der bedeutende Kirchenhistoriker, der schon in seinem großangelegten „Sandbuch der neuesten Kirchengeschichte" der liberalen Bewegung des Judentums der vierziger Jahre vorigen Jahrhunderts seine Aufmerksamkeit zugewendet hatte, begrüßt in einem in der „Frankfurter Halbmonatsschrift „Das freie Wort" erschienenen Aufsatz, den er „Religiöse Unterströmungen" betitelt, die neue Vereinigung