Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 6 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine zionistische und eine christliche Stimme über unsere Sewrgung 137 allen Seiten tönt der Ruf wieder. In Oesterreich hat ihn die Schule Brentanos unter den Philosophen und RIasaryk unter den Politikern ausgenommen, in Rußland Tolstoi, in Deutschland kjarnack, in Frankreich und Italien ist das Wachsen der modernistischen Bewegung aus dieser Sehnsucht zu erklären, aus denl scheinbar nur materialistischen Amerika kommen die Nachrichten von den Riesenauflagen der Werke Trines und Whitmans. In diesem gewaltigen Thor will eine neue- Stimme sich Gehör verschaffen. In Frankfurt a. RI. gibt Rabbiner Dr. Täsar Seligmann im Aufträge der „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" eine Rlonatsschrift „Liberales Judentum" heraus, das die religiösen Interessen des Judentums pflegen will. Der unglückselige Namen, den sich die Vereinigung beigelegt hat, ist sicherlich wenig danach angetan, die Aufmerksamkeit auf den Punkt zu lenken, auf welchen es der Vereinigung ankommt. Der Namen „Liberalismus", einst stolz und edel, wird fetzt seit Jahrzehnten mißbraucht und als Aushängeschild für Parteien verwendet, die nichts weniger sind als frei, und am wenigsten der jüdischen Frage nüt Unbefangenheit und freiem Blick zu begegnen gewußt haben. Doch da es nun geschehen ist, daß eine Versammlung von 200 Delegierten aus ganz Deutschland am 3. Rlai d. I. in Berlin ihren Zielen diesen Namen gegeben hat, wollen wir die Sache nicht ihre Benennung büßen lassen. Und diese Sache ist eine sehr, sehr gute. Der erste Punkt des Programmes besagt: „Die jüdische Religion vermag sich der Zeitanschauung entsprechend fortzuentwickeln, ohne daß dadurch ihr Wesen, .ihr Bestand und ihr Zusammenhang mit der Vergangenheit sich verändert, hieraus ergibt sich für die Gegenwart die Berechtigung und Notwendigkeit, den ewigen Gehalt und die unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit nicht ein dem Judentum fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht." Also eine neue Aufwärmung der Reformbewegung? Ich höre, wie zionistische Leser diesen Einwand machen. In der Tat, die Vorwürfe gegen die Reform von Anno dazumal haben ihre tiefe Berechtigung, vor allem deshalb, weil man — aber durchaus nicht alle Führer der Bewegung — die Iudenfragen äußerlich verstanden hat und mechanistisch lösen wollte. Daß Orgelspiel und Gesang die Sehnsucht unserer Herzen nicht zu stillen vermag, das haben aber auch die Reformer von heute eingesehen, und deshalb hören wir sie mehr von dem positiven reden, das aufgebaut werden muß, als von dem, das sie zerstören wollen, und sie sprechen mehr von der Reform der Herzen, als von den Schneidern religiöser RIoden. Zwei Aufgaben hat sich die neue Bewegung gestellt, nach zwei Fronten muß sie kämpfen. Niederreißen soll sie und aufbauen zugleich. Das erste ist nicht schwer. Das Leben hat gründlicher reformiert als alle Neologen es getan hätten, der jüdische Einzelmensch hat sich einfach selbst befreit und in seiner Weise den Widerspruch zwischen Lehre und Leben geschlichtet, Hier zuzustimmen, ist nicht schwer. Allein, wie Dr. S. Samuel richtig ausführt, es gilt nicht in erster Linie zu lösen, sondern zu binden. Nicht im Sinne neuer, äußerlicher Bestimmungen, sondern in der Bedeutung, daß die neue religiöse Gemeinde ihre Rlitglieder nicht nach der RIatrikel, sondern nach der Kraft des Einflusses berechnet, welchen die lebendige Ueberzeugung vom Dasein Gottes auf handeln und Unterlassen ausübt. Rabbiner Dr. Seligmann hat in dem Programmreferat, das er auf der erwähnten Konferenz hielt, ein Bild der heutigen Iudenheit gezeichnet, das wahrhaft erschreckend ist. „Das westeuro-