Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 6 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Eine zionistische und eine christliche Stimme über unsere Bewegung daß alle Gründe der Vernunft und der Logik wirkungslos daran abxrallen werden. Claude G. Montefiore, der begeisterte Verfechter liberaler Ideen in der englischen Iudenheit, läßt sich hierüber in seinem Werke „Liberales Judentum" folgendermaßen aus: „Wenn daher die gesamte Iudenschaft Europas und Amerikas den Sabbat vom Sonnabend auf den Sonntag verlegen könnte, und wenn alle Juden den Sonntag in Ruhe, Gebet und Gottesdienst begehen würden, und wenn durch eine solche Verlegung ihr Selbstbewußtsein als Juden nicht verlöre, sondern im Gegenteil sich vertiefte und belebte, dann mag eine solche Verlegung, weit davon entfernt, schädlich zu wirken, im Gegenteil von großem Werte sein."^) Aber, fährt er fort, . . im allgemeinen hat der Durchschnittsmensch nicht die Willenskraft und Beharrlichkeit, die notwendig sind, um einer derartigen Aenderung Wirksamkeit und Geltung zu verschaffen. Ls würde für jeden Juden äußerster Lntschlossenheit und Willensstärke bedürfen, um ihn in den Stand zu setzen, die Empfindungen, die ihn durch Anerziehung von Rind auf, und dem Beispiele der Vorfahren folgend, am Sonnabend erfüllt haben, auf den Sonntag zu verlegen. Dennoch sehe ich keine zwingende Notwendigkeit, warum genügende Beharrlich- *) „Liberales Judentum." Lin Essai von Claude G. Montefiore. Einzige autorisierte deutsche Uebersetzung von Gscar Plaut. Leipzig. C. L. M. Pfeffer. l906. 5. \<{2 f. keit und Eingabe und besonders eine sorgfältige Rindererziehung in diesem Sinne, es nicht für eine neue Generation möglich und denkbar machen könnte, den Sonntag in all seiner religiösen Heiligkeit zu begehen, ohne daß das jüdische Selbstbewußtsein dabei Schaden litte."-) Immerhin kann nach Montefiores Ansicht für den jetzigen Augenblick „eine derartige Verlegung des Sabbats auf den Sonntag überhaupt noch nicht in Frage kommen. Wir müssen die Dinge sehen, wie sie sind, und sie zum Besten zu gestalten suchen."* 3) Muß daher eine Verlegung des Sabbats vor der Hand als ein Zukunftstraum bezeichnet werden, so verhält es sich mit dem geforderten Sonntagsgottesdienst schon ganz anders. Lswä red ringend erwünscht, daß sich noch weitere Stimmen zu diesem Vorschläge vernehmen ließen. Mit bewußter Absicht habe ich in meinem ersten Artikel von der etwaigen Einführung eines Sonntagsgottesdienstes noch nicht gesprochen. Ich wollte erst einmal „die Stimme des Volkes" hören, die Stimme solcher, von denen niemand würde behaupten können, sie sähen die Dinge durch eine theologisch gefärbte Brille. Unsere neue Monatsschrift ist der geeignetste Drt dafür, wo das Für und das Wider in dieser hochwichtigen Frage eingehend erörtert werden kann. 2) daselbst S. 3) ebendaselbst. €ine zioniffifdie und eine diriffliche Stimme über unsere Bewegung. 1'Inter der Ueberschrift: „Liberales Iudentum" schreibt die in Prag erscheinende „Jüdische volksstimme" über unsere Bewegung: „ . . . Die heiße Sehnsucht nach Religion geht wie ein Durst, wie ein Schrei heute durch die Welt. Der Ulangel an Religion ist die Blutarmut unserer Rultur." Ein Nichtjude, Thassilo von Scheffer, hat diese Worte geschrieben, als er in seinem kürzlich auch von uns gewürdigten Buche „Der Mensch und die Religion" das Verhältnis der heutigen Menschheit zum religiösen Problem zu schildern unternahm. Und vielfältig und von