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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 6 (1909) · p. Seite 135

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
6 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 135 (sequence 15)
Language
German
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Mr. Karden: Noch einmal dir Sabdatfrage 135 freier Denkenden dahin, „dem ewigen Gehalt" der Religionen neuen Ausdruck zu schaffen. Das soziale Empfinden unserer Zeit hat der Sabbatruhe volle Entfaltung ermöglicht. Zeder Deutsche, vom Geringsten bis zum höchsten, kann — Zeder nach seiner Art — heute, gesetzlich befreit vom Arbeitszwange, seinem Gotte Stunden der Erbauung widmen. Nur der Zude kann es nicht. Alle die Gründe, die Sie erschöpfend anführen, stehen der großen Mehrheit der Zuden im Wege. Zch denke in allen religiösen Fragen sehr frei, bin aber der Meinung, daß es ein schweres Unrecht ist, einem Teile des Volkes Beteiligung an dem ihm zusagenden Gottesdienste überhaupt unmöglich zu machen, hervorragende Männer, wie die Rabbiner Dr. Geiger und Dr. Zoel, haben, soweit mir bekannt, schon vor vierzig Zähren einen Neben-Gottesdienst auf den Sonntag verlegen wollen. Ob der Gedanke an vielen Grten durchgeführt ist, weiß ich nicht. Zch vermute, daß an der Halbheit die Ausführung gescheitert ist. Mir scheint es nur eine einzige Lösung des Problems zu geben, daß das liberale Zudentum den Sabbat auf den Sonntag verlegt. „Am siebenten Tage sollt Zhr ruhen". Die christliche Lehre, innerhalb deren wir leben, hat diesen siebenten Tag auf den Sonntag verlegt. Zst das nun ein unveränderlicher Grundsatz der jüdischen Religion, daß dieser siebente Tag notwendig „Sonnabend" sein muß? Zch weiß wohl, Ueberlieferung, Gewöhnung usw. werden sich entgegenstemmen. Und trotzdem bin ich, nicht erst seit heute, der Meinung, daß nur auf diesem Wege grundsätzlich geholfen werden kann. Und ist diese Forderung denn grundsätzlich verschieden von jenen Forderungen, die unser Staatsleben bewegen: daß Ostern und Pfingsten auf bestimmte Tage gelegt, daß die griechisch-katholische Airche den gregorianischen Aalender annehmen soll? Sollen nicht auch hier alte, geheiligte Ueberlieferungen durch modernen Willen, aber zum Besten aller, über den Haufen geworfen werden? Und ist jemand unter uns, der diese Forderungen nicht für durchaus notwendig und berechtigt ansieht? Zede Ueberlieferung soll man achten und ehren. Unser ganzes Staatswesen ist aber aus der Umgestaltung von Ueberlieferungen entstanden, und das Neue, wenn es nur lebenskräftig und innerlich wahr ist, wird dann von neuem Ausgangspunkt der Ueberlieferung. Der geistige Gehalt einer Religion, in seiner Tiefe erfaßt, hängt nicht von der Bewahrung überlebter Aeußerlichkeiten ab. Das liberale Zudentum will den Reibungskoeffizienten für seine Betätigung im heutigen Staate vernündern; cs m u ß es tun. Die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag wäre auch in diesem Sinne eine notwendige und folgerichtige Handlung. Diesem Gedanken wollte ich, angeregt durch Zhre Ausführungen, Zhnen gegenüber einmal Ausdruck verleihen. -r- * -i- Allen obigen Zuschriften ist gemeinsam die Zustimmung zu meiner Schilderung des Notstandes, ebenso aber auch der Zweifel an dem Erfolge meines Vorschlages. Sie glauben, meine diesbezüglichen Worte werden im Winde verhallen, da es auch beim besten Willen unmöglich sei, auf diesem Wege zur Besserung zu gelangen; es werde eben „alles beim alten bleiben". Darum verlangen die ersten drei Herren die Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes, während Herr Münsterberg die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag fordert, was diese letzte Forderung anlangt, so darf ich wohl wiederholen, daß die Lösung dieser Frage wohl erst einem künftigen Geschlechts Vorbehalten bleiben wird. Herr Münsterberg fürchtet ja selbst, es würden sich Ueberlieferung, Gewöhnung u. s. w. entgegenstemmen, und sie werden es vorerst vermutlich mit solcher Gewalt tun.

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