Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 6 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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132 Ar. Uordrn: Noch rinnral dir Sobdatfroge dieser Teil würde übrigens, meiner festen Ueberzeugung nach, bedeutend geringer sein, wenn der Gottesdienst unserem modernen Empfinden mehr Rechnung tragen würde. Daß das Bedürfnis des Gotteshausbesuches vorhanden ist, betonen auch sämtliche Zuschriften, die an meine Adresse gelangt sind, und von denen ich absichtlich diejenigen ausscheiden will, die aus Lehrer- und Rabbinerkreisen stammen, um desto ausführlicher das Laienelement zu Worte kommen zu lassen. Die Briefe sind interessant genug, um — mit Erlaubnis der Verfasser — den Lesern des „Liberalen Judentums" wortgetreu vorgeführt zu werden. Sie zeigen jedenfalls, daß in so manchem Herzen die Liebe zum Judentum glüht, und daß esunserer neuen Vereinigung, so sie nur mutig und entschlossen die Wege des religiösen Liberalismus wandelt, an Anhängern und Mitarbeitern nicht fehlen wird. -i- Herr Dr. phil. Eugen Hirschberg schreibt: Grunewald - Berlin, November fHW. Rönigsallee Qp/%7. Sehr geehrter Herr Doktor. Ich habe mich gefreut, daß endlich wieder einmal ein Rabbiner, ein geistiger Führer seiner Gemeinde, das Wort zur Sabbatfrage ergriffen und die religiöse Not des Judentums in diesem wichtigen Punkte beleuchtet hat. Mit großem Interesse habe ich Ihren Artikel in der Monatsschrift „Liberales Judentum" gelesen und kann jedes Wort, soweit es die Begründung des Notstandes betrifft, unterschreiben. Nicht so billigen kann ich Ihre Mittel zur Abhilfe, die nur alles beim alten lassen würden. Fühlen Sie, wie jeder einsichtige Rabbiner müßte, sich berufen, die Sabbatfrage auf die Tagesordnung des mit seiner Religion es ehrlich meinenden Judentums zu setzen und sie zu lösen, so gibt es nur ein Mittel, das ist der Sonntags-Gottesdienst. Daneben muß der Sonnabend-Gottesdienst nach Bedürfnis so lange bestehen bleiben, als es Juden in der Gemeinde gibt, die sich durch Aufhebung der Sonnabend-Andacht in ihrem Gewissen bedrängt fühlen und in der Lage sind, ihm beiwohnen zu können. Für die Einführung des Sonntags - Gottesdienstes ist es die höchste Zeit, wenn nicht das religiöse Bedürfnis auch dort einschlafen soll, wo es noch vorhanden ist. Es ist die höchste und vielleicht unwiederbringliche Zeit, das politisch erwachte Selbstbewußtsein der Juden durch einen zeitgemäßen Sonntags - Gottesdienst mit predigt auch wieder zum Mute des jüdischen Bekennertums ihrer Religion zu erheben. Ls ist traurig, daß die führenden Rabbiner der Berliner jüdischen Gemeinde sich die geistige Führerschaft in dieser wichtigen Frage aus Händen nehmen lassen und ihr sogar entgegenarbeiten. Wenn man ihnen das Motiv des Eigennutzes und der Furcht einer größeren Arbeitsbelastung nicht unterschieben darf, so kann man ihnen den Vorwurf nicht ersparen, daß sie in dogmatischer Verblendung sich vor den Forderungen der Zeit verschließen und dadurch ihre Pflicht zur Wahrung und Förderung des Judentums verkennen. Auch die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland*) handelt falsch, wenn sie diese Frage, die ihre Grundlage bildete und latent in ihr fortwirkt, aus Wahlrücksichten dilatorisch behandelt und das Interesse dafür erlahmen läßt. Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen. Ich stelle mich Ihnen als einen Mann von fast 60 Jahren vor, der auf sein Judentum stolz ist und sogar auf jüdische Gebräuche hält. *) Gemeint ist offenbar der „Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde in Berlin."