Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 6 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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RralschuldirrkLsr Gsmbnch: Unsere liberale Krwrgung 127 in dem starren und in unsere Zeit nicht mehr hineinxassenden Zermoniell und den unzeitgemäßen Gebräuchen und Formen keine innere Befriedigung und keine Erbauung finden. Das Judentum hat sich zu allen Zeiten. fortentwickelt und hat sich stets den veränderten Zeitverhältnissen anzuxassen gewußt, ohne, daß jedoch an den Grundlehren gerüttelt wurde. Ist der Talmud nicht eine Fortentwicklung der Bibel, ist er nicht eine Zusammenstellung der verschiedensten Lehrmeinungen, die sich oft diametral gegenüberstehen, konnten sich die jüdischen weisen und Gelehrten dem Gepräge ihrer Zeit entziehen? Erst seit die mündliche Lehre niedergeschrieben wurde, ist die Fortentwicklung, wenn auch nicht aufgehoben — denn das konnte sie selbst dann nicht werden —, so doch gehemmt und eingeengt. Sollten wir wirklich dazu verurteilt sein, stillzustehen, die Hände in den Schoß zu legen, wenn auch die Zeit über uns hinwegschreitet und der Indifferentismus und sogar die Flucht aus unseren Reihen immermehr um sich greift? wir hängen zu sehr mit aller Treue am Judentum; wir wollen ihm mit allen Fasern unseres Herzens die Treue halten und lassen uns von niemanden in der Betätigung der uns durch die Religion auferlegten Verpflichtungen den Rang streitig machen. Auch in Bayern verlangen die Verhältnisse, wie sie sich in der letzten Zeit, begünstigt durch die allgemeine politische Lage, in unsern Großgemeinden und einigen Rtittelgemeinden herausgebildet haben, gebieterisch den Zusammenschluß aller religiös liberalen Juden, deren Zahl auch in unserem vaterlande eine weit größere ist, als gemeiniglich angenommen wird. Daß ein Teil unserer Glaubensgenossen, die sich gesetzestreu nennen, an den alten Ueberlieferungen hängt und kein Haar breit von den in den talmudischen und nachtalmudischen Schriften niedergelegten Vorschriften abweichen zu wollen vorgibt, wer wollte ihnen das verübeln? Das ist ihr Recht, und wir Liberalen sind die letzten, welche ihnen dieses Recht verkümmern werden. Daß diese Richtung aber glaubt, das Judentum ganz allein in Erbpacht zu haben, andere freiere Richtungen als nicht zu Recht bestehend erachtet, die Träger dieser freiern Richtung nichteinmalmehralsIuden anerkennen will — außer wenn es sich um Unterstützung jüdischer Institutionen und wohltätigkeitsakte handelt, die ihren Gesinnungsgenossen doch am meisten zu gute kommen — gegen diese, sogar den religiösen Grundsätzen des Judentums zuwiderlaufende Intoleranz, uns als Juden abschütteln zu wollen, dagegen müssen wir nicht nur feierlichst Verwahrung einlegen, sondern uns auch mit aller Kraft zur Wehr setzen. In Bayern soll das Iudengesetz, das unhaltbar geworden ist, einer Revision unterzogen werden; daß dies notwendig ist, darin sind die Orthodoxen und Liberalen einig. Line schwierige Frage ist freilich die Gestaltung des neuen Gesetzes, die uns schwere Kämpfe in Aussicht stellt. Wir werden alles daran zu setzen haben, daß nicht solche Intoleranz sich in die gesetzlichen Bestimmungen über den religiösen Kultus eindrängt und dessen freie Entwicklung untergräbt oder auch nur erschwert, und wir werden dabei Gefahren zu überwinden haben, die sowohl auf allgemein politischen als intern religiösen Gebieten liegen, Gefahren, zu denen leider der Indifferentismus so mancher unserer Gesellschaftskreise zu rechnen ist. Welches sind nun die nähern Ziele, welche die liberalen Juden in Deutschland — die Bewegung geht auch durch alle Schichten der französischen und englischen Juden — erreichen wollen, was ist die Ursache dieser Bewegung?