Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 1 (1908-1909)
- Issue
- 6 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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RraLfchuLLrrrktsr Gombrich Unsere liberale Bewegung 126 allein maßgebende Einfluß des Elternhauses gewährleistet.*) *) Selbstverständlich darf die Rücksicht auf das Elternhaus nicht zu weit gehen. Zur Kennzeichnung des liberalen Standpunktes in dieser Frage sei hier auf einen Aufsatz von Rabb. Dr. Vogelstein (im Bericht über den Religionsunterricht in Stettin (907/03) hingewiesen, in welchem es heißt: der gewissenhafte Lehrer, der den Zweck des Religionsunterrichts im Auge behält. . . wird es vermeiden, das sogenannte Zeremonialgesetz . . als verbindlicheReligionsvorschristen zu behandeln und dadurch einen Gewissenskonflikt in der Seele des Kindes zu erzeugen, er kann aber nimmermehr darauf verzichten, die Heilighaltung der Festtage, die Beobachtung sinn- und weihevoller Bräuche . . . den Schülern ans Herz zu legen, ihnen das Gebet . . . den Besuch des Gotteshauses angelegentlichst zu empfehlen u. f. w. — Aehnlich äußert sich Rabb. Dr. Freudenthal (in der (. Nummer der Monatsschrift „Liberales Judentum" p. (9): „VOxt müssen mit aller Entschiedenheit religiöses Leben für die Kinder auch von denjenigen Eltern fordern, die es vernachlässigen" u. s. w. Man kann freilich — das wissen wir — jeden Differenzpunkt zu einem Kardinalpunkt machen, man kann, von rechts und von links, überall dogmattsche Unterschiede statuieren, indem man jede Frage bis in ihre äußersten Konsequenzen verfolgt und sich auf Prinzipien versteift, die in der ausgleichenden Praxis des Lebens niemals so grell zu Tage treten. Es ist leicht, jede Frage zuzuspitzen, jede Differenz zu vergrößern, und so einen unheilbaren Riß, eine unglückselige, in ihren jammervollen Folgen kaum übersehbare Spaltung in das deutsche Judentum zu bringen. U)o aber wahre Religiosität herrscht, da wird man sich, bei aller Festigkeit des religiösen Standpunkts, nicht auf das Trennende versteifen, sondern das Einigende vor Augen sehen. Größer als alles, was uns trennt, ist das, was uns einen sollte: die gemeinsame große Liebe zum Judentum, das gemeinsam angestrebte Ziel, die uns anvertraute Jugend dem Judentum zu erhalten! liniere liberale Bewegung, flnfprache bei der Konstituierung des Vereins für die liberalen Interessen des Judentums in Nürnberg. Von Realkhuldirektor Oombricb-Nürnberg. uf allen Gebieten des Lebens vollziehen sich in unserem Zeitalter große Umwälzungen; in der Wissenschaft, in der Technik, im verkehrsleben und auf sozialem Gebiet. Nicht verschont hiervon bleibt die religiöse Anschauung, und jede Glaubensgemeinschaft wird dadurch betroffen. Man kann dieser Bewegung, die sich auf religiösem Gebiet vollzieht, nicht aus dem Wege gehen, niemand kann sich ihr entziehen, unser ganzes Fühlen und Denken wird von selbst in diesen Entwicklungskampf hineingezogen. Auch im Judentum gärt es gewaltig. In den breiten Schichten unserer jüdischen Glaubensgenossen regt sich ein freierer Geist; ein Reformbedürfnis, nicht eine Reform sucht macht sich geltend; überall im Leben herrscht Fortentwicklung, nur im Judentum sollen althergebrachte Formen und Gebräuche, die in früheren Zeitverhältnissen ihren Grund und sicherlich auch ihre Berechtigung hatten, vielfach aber auch zu der Gottesverehrung ganz außer Beziehung stehen, für alle Zeiten und ganz anders gestaltete Zeitverhältnisse bindende Kraft haben, als ob sie göttlichen Ursprungs wären! Für den Abfall vom Judentum kann cs keine Entschuldigung geben. Man darf sich aber nicht wundern, daß die Zahl derer, die dem Judentum kalt und indifferent gegenüberstehen, statt sich zu vermindern, im Laufe der Jahre zugenommen hat, weil so viele