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Liberales Judentum · 1909-01-01 · 6 (1909) · p. Seite 128

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Journal
Liberales Judentum
Volume
1 (1908-1909)
Issue
6 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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128 NraLschul-irrktor Gonrürich: Unsere liberale Bewegung Einige Sätze aus dem Programm der Berliner Versammlung vom 3. Mai geben hierauf die Antwort: „Lin großer Teil, ja der überwiegende Teil der Israeliten in Deutschland will unter pietätvoller Anlehnung an die Vergangenheit sein äußeres Leben mit seinen inneren Anschauungen in Uebereinstimmung bringen, insbesondere will er kein Gewicht auf die Innehaltung veralteter Vorschriften, Gebräuche und abgestorbener Sitten legen. Dieser religiöse Liberalismus entnimmt seine Berechtigung aus dem Wesen des Judentums und seiner geschichtlichen Entwicklung und stellt somit neben der Orthodoxie einen vollberechtigten Faktor im Leben der deutschen Juden dar. Wie der religiöse Liberalismus das Selbstbestimmungsrecht der Orthodoxie in ihren religiösen Anschauungen anerkennt und jeden Gewissenszwang verwirft, so verlangt er das gleiche Recht und die gleiche Freiheit für sich. Die Anerkennung dieses Grundsatzes bildet die unverrückbare Grundlage eines friedlichen und gedeihlichen Zusammenwirkens innerhalb der Gemeinden." Auch einige Sätze aus dem Referate des Herrn Rabbiners Dr. Vogelstein (Monatsschrift Nr. \) legen dar, was die liberale Bewegung will: Die Entwicklungsfähigkeit des Judentums, deren Berechtigung aus der Geschichte des Judentums hergeleitet wird, und der sich sogar die Konservativen nicht ganz entziehen können, ist der oberste Grundsatz der liberalen Vereinigung, von der sie sich in ihrer Wirksamkeit leiten lasse, und diese Entwicklung darf nicht länger hinausgeschoben werden. Der Liberalismus ist die Zukunft des Judentums; hüten wir uns bei aller pietät, die wir im Herzen tragen und betätigen wollen, vor der falschen Pietät, die nur Totenkränze windet, aber für die Lebenden keine Blumen hat, die nur die Vergangenheit kennt, aber das Recht der Gegenwart mißachtet. Herr Rabbiner Dr. Seligmann betont in seinem Referat (Monatsschrift Nr. H, daß das Judentum sich den veränderten Zeitverhältnissen anpassen müsse, und daß dasselbe nicht verurteilt bleiben dürfe, inmitten der gewaltigen Wandlungen im Denken und Leben der neuen Zeit die alten Formen und Vorstellungen festzuhalten. Das Judentum muß liberal sein, sonst wird es nicht sein; das Judentum muß jung sein, sonst wird es die Jugend nicht erhalten; es muß eine Religion der Gegenwart sein, sonst wird es über kurz oder lang der Vergangenheit angehören! Daß diese bedeutungsvollen und unwiderlegbaren Programmsätze heftigen Widerspruch aus den Reihen der Orthodoxie erfuhren und nicht immer mit lautern Waffen, wie man es von Männern, die vor Religiosität stets übersprudeln, erwarten könnte, bekämpft wurden, läßt sich leicht erklären. Man behauptete, die Vereinigung sei nichts als ein Ableger der Berliner Reformgemeinde, man wolle den Sabbat auf den Sonntag verlegen, die Speisegesetze abschaffen u. s. w. von all diesen Dingen ist natürlich nirgends und nimmer die Rede gewesen, und die Rabbiner, die an der Spitze und im Gefolge der Bewegung stehen, Männer von erprobter Religiosität, freilich nicht nach dem Herzen der Orthodoxie, Männer, welche für ihren Beruf und ihren Glauben begeistert sind, bieten eine sichere Gewähr, daß die Bewegung in den Grenzen und in der Bahn verharrt, die den heißerwünschten Erfolg verbürgen. Ls kommt hinzu, daß wenn auch für die Bewegung ein Sammelpunkt geschaffen wurde, sie sich doch in den einzelnen Staaten und Gemeinden nach den lokalen und realen Verhältnissen richten kann und muß. Sie hat zunächst nur darnach zu trachten, die breiten Massen der Juden, die von der Orthodoxie nichts wissen wollen, für sich zu gewinnen; rr-.l r:nr-H

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